30 Okt

Zeitwende

Digitalisierung, Dematerialisierung, Industrie 4.0. Was bringt die Zukunft? Rauben uns die Computer die Jobs oder bringen uns Innovationen mehr Wohlstand?

Es ist erst 10 Jahre her, dass Apple-Gründer Steve Jobs das erste Smartphone präsentiert hat. Nun, 2017, zählt man global schon mehr als vier Milliarden Smartphone-Nutzer. Das Smartphone hat die Digitalisierung massiv beschleunigt, denn die meisten Nutzer sehen in ihrem Gerät weit mehr als nur ein hilfreiches Werkzeug. Es repräsentiert für sie vielmehr die Möglichkeit, eine neue digitale Persönlichkeit und Welt, zu leben und auszugestalten. So erfolgen mittlerweile schon weit mehr Zugriffe aufs Internet von mobilen Smartphones und Tablets aus als von Computern. Ob Banking oder Urlaubs- und Reisebuchungen, ob Information, Kommunikation, Fotografie oder das Knüpfen von Beziehungen, ob Freizeitgestaltung, Meditation, Kalorien oder Schritte zählen – es gibt für jede Aufgabe eine passende App.

Der Internetökonom Karl-Heinz Land bezeichnet diese Entwicklung nicht wie andere lediglich als Digitalisierung, sondern als Dematerialisierung. Ähnlich klang auch der Internetunternehmer Marc Andreessen 2011 in einem viel zitierten Beitrag für das „Wall Street Journal“, in dem er sagte, dass Software immer mehr die Welt frisst. Doch was genau ist mit dem Megatrend der Dematerialisierung gemeint? Und warum wird befürchtet, dass durch den technologisch-digitalen Fortschritt immer mehr Menschen zukünftig von Maschinen bzw. Computern (Digitalisierung) oder gar nur mehr Bits und Bytes (Dematerialisierung) ersetzt werden?

In unserer zunehmend von Software, Service und Daten bestimmten digitalen Welt öffnen wir heute schon die Wohnung nicht mehr mit einem Schlüssel, sondern mit einer Magnetkarte, dem Fingerprint oder auch einfach nur mehr mit einer App. Der Schlüssel ist damit auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Und bald auch alles, was zu seiner Produktion notwendig gewesen ist, egal ob Maschinen und Anlagen oder eben auch Arbeitsplätze. In Zeiten autonomen Fahrens, vernetzter Verkehrssysteme, Online-Banken, Sharing Economy und erfolgreicher Unternehmen, die alleinig im Betreiben von Online Plattformen bestehen (Airbnb, Uber, Booking.com u.a.m.), werden sich einst noch stark in Produktion beheimatete Unternehmen als Dienstleister neu erfinden müssen. Da greift möglicherweise eine Optimierung der Fabrik in Richtung Industrie 4.0 viel zu kurz und ist nicht mehr als ein gut gemeinter Rettungsversuch.

Die Leistungskraft der IT verdoppelt sich immer schneller (derzeit vermutet man 18 Monate) und ist am Explodieren: Künstliche Intelligenz, lernende Maschinen, Robotik, 3D-Druck und das Internet der Dinge sind nicht mehr nur im Labor zu finden, sondern sind gelebte Realität mit einem enormen Wertschöpfungspotential. Software frisst die Welt.

Skeptiker befürchten, dass immer mehr Menschen zukünftig von Computerprogrammen ersetzt werden. Sie verorten in den aktuellen Entwicklungen eine Abrissbirne. Nicht nur für ganze Wirtschaftszweige und Wertschöpfungsketten, sondern den Verlust von mindestens 50 % der heutigen Arbeitsplätze. Dies, verbunden mit enormen sozialen Herausforderungen, wie sie zum Beispiel auch der Wirtschaftssozialwissenschaftler Jeremy Rifkin bereits in seinem 1995 erschienener Bestseller „The End of Work“ prophezeite.

Eine rein historische Datenanalyse, welche man in die Zukunft projiziert, würde jedoch Anderes besagen. Sie würde aufzeigen, dass es die Menschheit bislang immer geschafft hat, das Morgen ein wenig besser als das Gestern zu gestalten. Und damit trotz aller Innovation, oder gerade deshalb, der Wohlstand insgesamt zunimmt.

Diese Sicht auf die Zukunft wird insbesondere von der Finanzindustrie gerne vertreten. Ihre Interpretation des vorhandenen Datenmaterials besagt, dass trotz aller angeblich zerstörerischen Innovationen, die das 20. Jahrhundert heraufbeschwor, sowohl die Arbeitsplätze als auch die Reallöhne langfristig in nahezu allen Ländern der Erde gewachsen sind. Und weiters zeigt diese Analyse, dass die Einführung neuer Technologien in Produktion, Kommunikation oder Transport zum einen zwar radikale Veränderungen und das Ende etlicher Berufe mit sich brachten. Zum anderen aber immer auch neue Karrieren entstanden sind. So folgern Pascal Bühring und Sara Carnazzi Weber, Analysten bei Credit Suisse (siehe Credit Suisse Bulletin 3/2017, S. 41-42), dass „trotz der Komplexität der Menschheit immer noch ein einfaches Prinzip gilt: Wo immer Ressourcen zur Verfügung stehen, werden sie in neue Projekte investiert und ziehen kreative Energien an, um das Morgen etwas besser zu machen als das heute. Unabhängig davon, wie und in welchem Maße sich Innovation und Fortschritt in den kommenden Jahrzehnten manifestieren werden, werden künstliche Intelligenzen und Computerprogramme allein nicht für die Erfüllung der stetig sich entwickelnden, so breitschichtigen menschlichen Bedürfnisse aufkommen können.“

Nun denn. Was immer die Zukunft bringt, in einem sind sich alle einig: Es steht eine Kehrtwende an. Und das, was meines Erachtens das Erste und Wichtigste ist, das jeder für sich diesbezüglich tun kann, ist die eigene Haltung in Bezug auf die Zukunft zu hinterfragen: Wie gehe ich (und mein Unternehmen) den Risiken und den Chancen dieser sich neu ordnenden Welt entgegen? Bin ich achtsam für die Gefahren, wach für das Gestaltbare? Bereit, alles loszulassen? Kämpferisch genug, um dranzubleiben?

Onward, human fellows! (wie es unser lieber Freund und Evolutiosforscher Joe Brewer zu sagen pflegt)

Evelyn Oberleiter

Evelyn Oberleiter

Menschen und Organisationen in tiefgehenden Entwicklungsprozessen zu begleiten, die die Wahlfreiheit und die Achtsamkeit füreinander sowie für die Umwelt erhöhen, ist die Triebfeder ihres Handelns.

Evelyn Oberleiter, Mitbegründerin des Terra Institute, begleitet und berät seit über zehn Jahren Unternehmen und Organisationen unterschiedlichster Branchen und Größen. Den Fokus setzt sie dabei auf Organisationsentwicklung, Restrukturierungen, Unternehmenskulturprozesse, Implementierung effizienter und strukturierter Kommunikationsräume und –abläufe, sowie partizipative Führungsansätze. Evelyn Oberleiter verfügt über ein breites Wissen, ein schnelles Auffassungsvermögen, hohe Prozesskompetenz und Ergebnisorientierung, eine ausgedehnte Analyse- und Reflexionsfähigkeit, hohe Kommunikationskompetenz, sowie ein ausgeprägtes Systemdenken, Eigenschaften, die es ihr ermöglichen Gruppen wie auch Individuen sicher und langfristig durch Höhen und Tiefen zu navigieren. Neben ihrer Tätigkeit als Beraterin und Trainerin ist sie Geschäftsführerin des Terra Institute, der Terra Mater (Herstellung biologisch-dynamischer Erde) und der Terra Energy (Windkraft-Projekte).
Evelyn Oberleiter
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