07 Nov

Wieder in Verbindung kommen

Warum tun wir viel zu wenig angesichts des rasant fortschreitenden Klimawandels? Zu tun wäre ja viel, es bräuchte große Anstrengungen und Änderungen im privaten wie Wirtschaftssektor, wie es z.B. der neueste Bericht des internationalen Klimarates (IPCC) darlegt: die Temperaturerhöhung der Erde ist unbedingt auf 1,5 (nicht 2) Grad zu begrenzen! Mittlerweile hat sich die globale Durchschnittstemperatur schon um fast 1 Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten erhöht – in den besonders sensiblen Alpen sind wir schon bei 2 Grad!

Wir unternehmen viel zu wenig, weil wir zu wenig verbunden sind, mit der Natur, uns selbst, den anderen. Denn wären wir das, würde es uns ganz natürlich drängen, aktiver zu werden, anders zu leben und zu wirtschaften. Der Impuls dazu würde von innen kommen, wäre intrinsisch. Es bräuchte keinen externen, extrinsischen Anstoß wie z.B. Gesetze zur Abgasreduktion, oder den Druck der Gesellschaft, „mehr“ für die Umwelt zu tun. Ganz selbstverständlich würden wir tun, was getan werden muss: unsere Umwelt, Mitwelt, und dadurch uns letztlich selbst schützen. Das gilt für den Privat- wie beruflichen Bereich. Eine Trennung dieser Sphären ist ja letztlich künstlich – zumindest, wenn es um Klimawandel, Artensterben, Ressourcenengpässe etc. geht. Diese Effekte betreffen alle und alles gleichermaßen (sensible Gebiete wie z.B. die Küsten allerdings viel stärker).

Wenn wir wirklich verbunden sind, z.B. mit Menschen, die uns wichtig sind, sind wir hingegen selbstverständlich bereit, uns zu engagieren, sogar uns einzuschränken. Die Haltung, eigentlich klar zu sehen was getan werden muss, aber nichts oder zu wenig tun, ist letztlich Zynismus (in vielen Fällen aber auch schlichtweg Überforderung). Zynismus ist letztlich ein Nicht-wahr-haben-wollen, dass es auf jeden und jede ankommt, nicht nur „die da oben“ oder „die anderen“.  Der MIT-Forscher Otto Scharmer spricht von „Absencing“ als negativen Gegenpol zu „Presencing“ (welches ein gefühltes Verbundensein in der Präsenz ist, aus welcher verantwortungsvolles Handeln wie von selbst entsteht).

Wie kann man als verantwortungsvolle Führungskraft mit dieser Situation im Unternehmen umgehen, Leadership im Sinne von „Advocacy“ (Anwaltschaft, Interessensvertretung) für Natur und Gesellschaft zeigen?

Man muss Wege finden, sich (wieder) zu verbinden (re-connect). Jemand im Unternehmen muss das in die Hand nehmen – im Idealfall das Top-Management, wenn die persönliche Betroffenheit gespürt wird und ausreichend stark ist. Mitarbeitende, die aufgrund ihrer Funktion einen Nahebezug zu Umwelt und Nachhaltigkeit haben, wie z.B. Umwelt- oder Nachhaltigkeitsmanager, werden oft authentische Impulse setzen. Diese können über Funktions- und Hierarchiegrenzen hinweg wirken! In unseren Nachhaltigkeitsprojekten haben wir gute Erfahrung damit gemacht, Transformation in Richtung Advocacy mit verschiedenen Impulsen anzuregen, wovon einige nachfolgend dargestellt werden.

Ein Check-in bei Besprechungen und Workshops mit ausreichend Zeit und in guter Atmosphäre hilft, sich und seine Betroffenheit/Gefühle besser zu spüren, und in Verbindung zu kommen, was die (Um/Mit-) Welt bewegt. Reihum sagt jede/r TeilnehmerIn, wie es ihr oder ihm geht – gerade JETZT. Das findet in einer ruhigen Atmosphäre und im Sitzkreis statt, mit großer Offenheit der jeweils Zuhörenden. Und vor dem eigentlichen Beginn der Sitzung. Oder andersrum: das IST dann der eigentliche Beginn. Es ist erstaunlich, welche Wirkung diese kurzen persönlichen Mit-Teilungen haben können! Ein solcher Check-in kann die nachfolgende Besprechung sehr positiv beeinflussen – probieren Sie es aus.

Gute und umfassende Information erzeugt schon viel persönliche Betroffenheit. Videos sind hier besonders empfehlenswert. Sie transportieren sowohl Fakten wie Emotionen. Ich denke hier z.B. an „The story of stuff”, “Taste the waste” oder “Tomorrow”. Dazu braucht es geeignete „Container“, Zeit-Räume in Konferenzen, Seminaren und Trainings, um persönliche Betroffenheit zu wecken, zuzulassen, zu zeigen und zu teilen. Individuell und in Kleingruppen wird zuerst über das Gesehene reflektiert, und dann in die Gesamtgruppe eingebracht. Es ist erstaunlich, was dann alles möglich wird!

Praktiken der Achtsamkeit helfen ganz entscheidend dazu, mit sich und „der Welt“ mehr in Verbindung zu kommen. Sie bringen einen in die Präsenz, in das Hier und Jetzt. In dieser hängen wir weder an der Vergangenheit noch „flüchten“ wir in die Zukunft. Präsenz ist eine große Chance, in die Verbindung zu kommen. Wir wenden dazu verschiedene Achtsamkeitsmethoden an, z.B. Body Scans oder geführte Meditationen. Dazu mehr im nächsten Blog-Posting. Ein erster Schritt, um im Unternehmen Achtsamkeit einzuüben, ist sehr einfach und trotzdem wirkungsvoll:  der Check-in vor jeder Besprechung.

Günter Lenz
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