06 Okt

Wie viele Sklaven beschäftigen Sie?

Justin Dillon, Gründer der US-Non-profit-Organisation Slavery Footprint, lenkte 2011 die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die moderne Form einer uralten Ungerechtigkeit: den Menschenhandel.

Wie viele Sklaven beschäftigen Sie? Die Antwort auf diese beunruhigende Frage bekommen Sie auf seiner Webseite nach einem kurzen Selbsttest zu Lebensstil und Konsumverhalten.Das Team um Justin Dillon untersuchte dafür die gesamte Versorgungskette von über 400 alltäglichen Konsumgütern und den damit verbundenen Arbeitsbedingungen. Minimal oder unbezahlte Arbeit, Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Gewaltanwendung und Drohung wurden mehrfach nachgewiesen und liefern die Grundlage für die schockierenden Testergebnisse [1]. Hierbei wird ein Sklave – oder Zwangsarbeiter – verstanden als „jemand, der zu unbezahlter Arbeit gezwungen und ökonomisch ausgebeutet wird und dabei nicht weglaufen kann“ [2]. Kevin Bales, renommierter britischer Sklavereiforscher, schätzt, dass heute mindestens 27 Millionen Menschen in Verhältnissen leben, die der Sklaverei ähneln [3]. Nicht nur in den Fabriken und Produktionsstätten unserer Mobiltelefone, Jeans, Laptops und Digitalkameras wird die Arbeitskraft von Kindern und Erwachsenen schonungslos ausgenutzt, sondern auch bei der Rohstoffgewinnung, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Im September beginnt die Baumwollernte in Uzbekistan. Zahlreiche ländliche Schulen werden von der Regierung geschlossen und die Kinder – manche nicht älter als neun Jahre – werden drei Monate lang zur manuellen Baumwollernte gezwungen, um den Mangel an freiwilligen Erwachsenen auszugleichen. Sie bekommen wenig oder gar keine Bezahlung. Kinder, die ihr Tagessoll von bis zu 100 Kilogramm nicht schaffen, werden wiederholt mit Schlägen, Haft oder der Androhung schlechter Schulergebnisse bestraft. Diejenigen, die von den Feldern weglaufen oder sich weigern zu arbeiten, werden von der Schule verwiesen. Die Arbeit ist gefährlich und besonders die Kinder, die auf entlegenen Baumwollplantagen arbeiten müssen, leiden an Erschöpfung, schlechter Gesundheit und Mangelernährung bis hin zum Tod [4].

Die Kinder im Dschungel von Walikale im Kongo können von der Schule nur träumen. Der Dänische Regisseur Frank Piasecki Poulsen berichtet in seinem Dokumentarfilm „Blutige Handys“ über den Zusammenhang zwischen unseren Mobiltelefonen und dem Krieg im Kongo, der bis heute den Tod von über fünf Millionen Menschen herbeigeführt hat. Die Förderung der zur Handyproduktion benötigten Rohstoffe Cassiterite und Coltan trägt nicht unwesentlich zur Finanzierung des dortigen Krieges bei und geschieht unter „mittelalterlichen Bedingungen“ [5]. Bei seinem zweiten Besuch in der Bisie-Mine in Walikale gab er einem kleinen Jungen eine Digitalkamera und war über die im Inneren der Mine entstandenen Bilder zutiefst schockiert: Tausende Männer und Kinder ab zwölf Jahren hauen ununterbrochen Steine in Tiefen von bis zu hundert Metern ohne sauberes Wasser und unter Bedingungen, die eher an die grausame Sklavenausbeutung unter dem belgischen König Leopold II am Ende des 19. Jahrhunderts als an hochmoderne Handyproduktion erinnern.

Die Ausbeutung von Menschen für die Geiz-ist-Geil-Kultur findet, so dokumentiert die 3-Sat-Sendung Scobel, auch in Deutschland statt. In der Fleisch verarbeitenden Industrie, in der Landwirtschaft und im Baugewerbe ähneln die Arbeitsbedingungen denen der Zwangsprostitution: „Mit falschen Versprechungen werden den Menschen die Papiere weggenommen und sie werden mit Gewalt bedroht. Die Ware Mensch verspricht überall eine hohe Rendite. Trotz zwölf internationaler Abkommen und 300 Verträgen ist es bisher nicht gelungen, die Welt von Sklaverei zu befreien. Heute leben mehr Menschen in Sklaverei als je zuvor in der Geschichte der Menschheit.“ [6]

Modernes Sklaventum und illegale Zwangsarbeit sind noch ein nicht wegzudenkender Teil unseres Wirtschaftssystems. Unser Lebensstandard nährt sich aus zwei Energiequellen, die wir schamlos ausbeuten: den fossilen Brennstoffen und den billigen Arbeitskräften, die durch ein System moderner Schuldknechtschaft gefügig gemacht werden. Wie sähe ein Wirtschaftssystem aus, das nicht von der Ausbeutung billiger Energiequellen abhängig wäre?

Die Ungerechtigkeit der momentanen Ressourcen-, Einkommens- und Güterverteilung ist eng mit den wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen verknüpft, denen wir heute gegenüberstehen. Darüber hinaus hat sie eine weitere häufig unterschätzte Dimension: Sie beeinträchtigt auch unser subjektives Wohlbefinden, egal ob wir uns am unteren oder oberen Ende des wirtschaftlichen Spektrums befinden.

[1] Vgl. Nina Merli: Wie viele Sklaven beschäftigen Sie? 2011, http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Wie-viele-Sklaven-beschaeftigen-Sie/story/20328884 (aufgerufen am 23. März 2013)

[2] Vgl. http://www.fastcoexist.com/1678561/how-many-slaves-are-working-for-you (aufgerufen am 23. März 2013)

[3] Vgl. https://www.freetheslaves.net (aufgerufen am 23. März 2013)

[4] Vgl. http://www.antislavery.org/english/campaigns/cottoncrimes/ forced_labour_in_uzbekistan_background.aspx (aufgerufen am 23. März 2013)

[5] Vgl. Stephen Applebaum: A shocking connection, 2011, http://www.guardian.co.uk/film/filmblog/2011/oct/10/blood-in-the-mobile-congo (Aufgerufen am 23. März 2013)

[6] Vgl. Kirschey und Hauer: Ausbeutung für die Geiz-ist-Geil-Kultur, 2011, http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/156669/index.html (aufgerufen am 23. März 2013)

Evelyn Oberleiter

Evelyn Oberleiter

Menschen und Organisationen in tiefgehenden Entwicklungsprozessen zu begleiten, die die Wahlfreiheit und die Achtsamkeit füreinander sowie für die Umwelt erhöhen, ist die Triebfeder ihres Handelns.

Evelyn Oberleiter, Mitbegründerin des Terra Institute, begleitet und berät seit über zehn Jahren Unternehmen und Organisationen unterschiedlichster Branchen und Größen. Den Fokus setzt sie dabei auf Organisationsentwicklung, Restrukturierungen, Unternehmenskulturprozesse, Implementierung effizienter und strukturierter Kommunikationsräume und –abläufe, sowie partizipative Führungsansätze. Evelyn Oberleiter verfügt über ein breites Wissen, ein schnelles Auffassungsvermögen, hohe Prozesskompetenz und Ergebnisorientierung, eine ausgedehnte Analyse- und Reflexionsfähigkeit, hohe Kommunikationskompetenz, sowie ein ausgeprägtes Systemdenken, Eigenschaften, die es ihr ermöglichen Gruppen wie auch Individuen sicher und langfristig durch Höhen und Tiefen zu navigieren. Neben ihrer Tätigkeit als Beraterin und Trainerin ist sie Geschäftsführerin des Terra Institute, der Terra Mater (Herstellung biologisch-dynamischer Erde) und der Terra Energy (Windkraft-Projekte).
Evelyn Oberleiter
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