19 Mrz

Was verheißt die Zukunft der Landwirtschaft?

Permakultur und Hydrokultur: Das Gegensatzpaar „zurück zur Natur“ und „ganz weit weg davon“ als nachhaltige und gewinnbringende Alternativen zur konventionellen Landwirtschaft.

Landwirtschaft ist ein Schlüsselthema der Nachhaltigkeit, schließlich geht es hierbei buchstäblich um unser täglich Brot, unser aller Lebensgrundlage. Die konventionelle industrielle Landwirtschaft hat einen sehr großen ökologischen Fußabdruck, der zusammen mit steigender Weltbevölkerung und deren Wohlstand bedrohliche Auswirkungen auf unseren Planeten hat. Eine Ahnung der Tatsache, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen und so gibt es nun Bio auch im Discounter und nicht nurmehr im Reformhaus. Während der herkömmliche Bio-Landbau einen möglichen Kompromiss darstellt zwischen Massenproduktion und ökologischer Nachhaltigkeit lassen sich zusätzlich auch noch andere Möglichkeiten für die Zukunft der Landwirtschaft ausmachen. Immer mehr Menschen fordern heute aufgrund der eklatanten Ressourcen-Ineffizienz einen weitgehenden Verzicht auf Fleisch und es stehen derzeit zahlreiche neue Fleischersatzprodukte in den Startlöchern. Was den Anbau von Nutzpflanzen anbelangt möchte ich folgenden zwei Modelle vorstellen, die das Ziel intensiver und zugleich nachhaltiger Produktion verfolgen, jedoch kaum unterschiedlicher sein könnten. Gemeint sind Permakultur und Hydrokultur (bzw. vertikale Landwirtschaft), zwei entgegengesetzte Pole auf dem Spektrum zwischen „zurück zur Natur“ und „ganz weg von der Natur“.

 

Abb. 1: Bec Hellouin

Zurück zur Natur? Der Ansatz der Permakultur

„Innovative Landwirte blicken in die Vergangenheit, um Methoden zu finden, mit denen nachhaltig und effektiv gewirtschaftet werden kann“ heißt es in der Arte-Doku „Permakultur: nachhaltig produzieren“. In der Tat entspricht „Permakultur“, was für den ein oder anderen allzu alternativ angehaucht klingen mag, um ernst genommen zu werden, im Grunde einer pragmatischen Rückbesinnung auf eine traditionell naturnahe Lebensmittelproduktion. Abgesehen von Vorreitern im Westen lassen sich entsprechende Anbauformen auch heute noch in den Gemüsegärten tropischer Subsistenzbauern antreffen. Sie sind auch fast ganz ohne künstliche Hilfsmittel gemessen an der Fläche äußerst produktiv, indem bestehende Ressourcen, natürliche Kreisläufe und Synergien optimal ausgenutzt werden.

In Handarbeit werden verschiedene Nutzpflanzen in Kombination angebaut und passende Nutztiere gehalten. Schädlinge werden zum einen durch eine gezielte Anordnung der Beete von empfindlicheren Pflanzen abgelenkt und zum anderen durch eine Vielzahl an Nützlingen in Schach gehalten; gegen die Schnecken helfen z.B. Laufenten, die auch zur Düngung beitragen. Mehrere Stockwerke in der dichten Pflanzenbedeckung fangen das Sonnenlicht optimal ein und schützen den Erdboden, der durch Verzicht auf Pflügen und hohen Gehalt an organischer Substanz äußerst fruchtbar ist. Hügelbeete, Gräben parallel zur Hangneigung (engl. swales) und gezielt angelegte Teiche sorgen für eine ausgewogene Wasserversorgung und ein förderliches Mikroklima.

Der Betrieb von Perrine und Charles Hervé-Gruyer in der Normandie kann einen stolzen Gewinn von 55€ pro Quadratmeter vorweisen, was etwa 10 mal so hoch ist wie in konventioneller Landwirtschaft (und das bei weit geringerem Kapitalbedarf und Kosten für Betriebsmittel). Seine Flächenproduktivität ist etwa 4 mal höher. Das Beispiel der Permakultur zeigt, wie eine ganzheitlich nachhaltige Versorgung mit Lebensmitteln auch ohne industrielle Landwirtschaft gelingen kann – mit dem entsprechenden Know-How, Experimentierfreude, Arbeitseinsatz und den höheren Preisen, die Konsumenten für ökologisch produzierte Lebensmittel zu zahlen bereit sind.

Weitere Informationen zu diesem beispielhaften Projekt:

·       ARD Doku Permakultur – Zukunftsweisende Landwirtschaft?;

·       Blog: Permaculture to feed us and heal the planet

·       Website des Betriebs Bec Hellouin

 

Abb. 2: Gotham greens urban hydroponics garden

Neue Anbauorte mit Hydrokultur: High-tech in der Lebensmittelproduktion

Während bei allen herkömmlichen Formen der Nahrungsmittelproduktion der Boden die zentrale Rolle spielt, geht Hydrokultur einen radikal anderen Weg – sie kommt komplett ohne Erde aus. Es geht um von der Umwelt mehr oder weniger isolierte, hochtechnisierte Produktionssysteme, in denen die Wurzeln der Pflanzen mit einer Nährlösung versorgt werden. Die Zufuhr von Wasser, Dünger und bei Indoor-Anlagen sogar Licht und CO2 wird genau kontrolliert und gesteuert. Diese Anbauform ist heute vor allem für Salate und andere empflindliche Blattgemüse zunehmend verbreitet, funktioniert aber mittels künstlichem Substrat auch für andere Nutzpflanzen. Ein Sonderfall ist die Aquaponik, bei der Pflanzen in Hydrokultur mit Fischzucht kombiniert werden. Pflanzennährstoffe stammen von den Fischexkrementen, so dass dem System anstatt Dünger nur noch Fischfutter zugeführt werden muss.

Degradierte Böden, Wetterextreme, Schädlinge, Umweltverschmutzung – alles spielt damit quasi keine Rolle mehr. Pestizide werden aufgrund der sterilen Bedingungen gar nicht bis kaum benötigt und Wasserverbrauch sowie Düngemitteleinsatz sind stark reduziert. Zunehmende Automatisierung ermöglicht eine Minimierung des Arbeitsaufwands, jedoch ist der Energiebedarf hoch, genauso wie zumeist die Investitionen der Infrastruktur. Hydrokultur bietet sich demnach kaum als alleinige Lösung für die Nahrungsmittelproduktion an, ist aber im Sinne der Nachhaltigkeit dort vielversprechend, wo ungenutzte (Dach-)Flächen und Heizenergie (z.B. Abwärme von Biogasanlagen) zur Verfügung stehen. Das ist in Städten oft der Fall, womit auch weite Transportwege zu den Konsumenten entfallen. Beispielsweise betreibt die Firma Gotham Greens bei Chicago die mit 7000 Quadratmetern weltweit größte „rooftop farm“ auf dem Dach einer Fabrik für Reinigungsmittel, mit Regenwasser und erneuerbarer Energie. Die Produktionsmenge entspricht dabei einem konventionellen Betrieb mit 25mal größerer Anbaufläche.

Zum Nachlesen:

·       New Scientist: Vertical farms sprouting all over the world

·       World Economic Forum: What are vertical farms, and can they really feed the world?

Evelyn Oberleiter

Evelyn Oberleiter

Menschen und Organisationen in tiefgehenden Entwicklungsprozessen zu begleiten, die die Wahlfreiheit und die Achtsamkeit füreinander sowie für die Umwelt erhöhen, ist die Triebfeder ihres Handelns.

Evelyn Oberleiter, Mitbegründerin des Terra Institute, begleitet und berät seit über zehn Jahren Unternehmen und Organisationen unterschiedlichster Branchen und Größen. Den Fokus setzt sie dabei auf Organisationsentwicklung, Restrukturierungen, Unternehmenskulturprozesse, Implementierung effizienter und strukturierter Kommunikationsräume und –abläufe, sowie partizipative Führungsansätze. Evelyn Oberleiter verfügt über ein breites Wissen, ein schnelles Auffassungsvermögen, hohe Prozesskompetenz und Ergebnisorientierung, eine ausgedehnte Analyse- und Reflexionsfähigkeit, hohe Kommunikationskompetenz, sowie ein ausgeprägtes Systemdenken, Eigenschaften, die es ihr ermöglichen Gruppen wie auch Individuen sicher und langfristig durch Höhen und Tiefen zu navigieren. Neben ihrer Tätigkeit als Beraterin und Trainerin ist sie Geschäftsführerin des Terra Institute, der Terra Mater (Herstellung biologisch-dynamischer Erde) und der Terra Energy (Windkraft-Projekte).
Evelyn Oberleiter

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