08 Okt

Mit einer Kreislaufwirtschaft 700 Milliarden US-Dollar sparen

In den vergangenen Jahren haben viele Unternehmen erlebt, wie sie das lineare Wirtschaftsmodell zunehmend der Gefahr höherer Rohstoffpreise und gefährlicher Lieferengpässe aussetzt.

Sie fühlen sich zunehmend zwischen zwei Seiten eingeklemmt. Auf der einen Seite stehen Rohstoffpreise, die steigen und immer schlechter vorhersehbar sind. Auf der einen Seite gibt es in einigen Branchen einen hohen Wettbewerb und eine stagnierende Nachfrage. Dass bis 2030 schätzungsweise drei Milliarden neue Mittelschichtverbraucher in den weltweiten Märkten eintreten werden, macht eine Lösung nur noch dringender.[1]

Der gesamte Lebenszyklus eines Produkts birgt enorme ökonomische, ökologische und soziale Auswirkungen und Risiken. Die Rohstoffgewinnung und die gesamte Produktionskette bis hin zur Abfallentsorgung müssen völlig neu konzipiert werden. Es geht darum, ökologisch intelligente Produkte herzustellen. Die biologisch nicht abbaubaren Inhaltsstoffe dieser Produkte dürfen nicht verschwenderisch als Abfall deponiert, verbrannt oder wertmindernd recycelt werden. Sie müssen stattdessen zu 100 Prozent zurückgewonnen werden. Innovative Geschäftsmodelle sind für die Umsetzung eines nachhaltigen Produkt- und Dienstleistungsdesigns entscheidend. Hier sind besonders jene Geschäftsmodelle genannt, die weg vom Besitztum gehen und hin zu leistungsbasierten Zahlungsmodellen wie Carsharing. Ein System birgt dann starke Nachteile entlang der gesamten Wertschöpfungskette, wenn es auf Konsum setzt und an diesen Konsum das Wegwerfen knüpft. Hingegen birgt ein System Vorteile, wenn es nicht-erneuerbare Ressourcen wieder verwendet. Die weltweite Management-Beratung McKinsey mit der Ellen MacArthur Foundation stellt in ihrem zweiten Bericht „Towards a Circular Economy“ eines klar: würden Verbrauchsgüterhersteller die Prinzipien der Circular Economy in ihrer Warenproduktion integrieren, könnten allein in der EU Rohstoffkosten in Höhe von 700 Milliarden US$ eingespart werden[2]. Folgende Beispiele aus den Branchen, die über 80 Prozent der Konsumgüterindustrie ausmachen, machen es deutlich:

  • Zusätzliches Einkommen mit Lebensmittelabfällen: Gemeinden und Unternehmen könnten allein in Großbritannien jährlich 1,5 Milliarden US-Dollar mit der Trennung und Sammlung von Lebensmittelresten generieren. Die Abfälle ließen sich nach kreislaufwirtschaftlichen Prinzipien in Biogasanlagen verarbeiten und die restlichen Nährstoffe dem Boden wieder zuführen. Hätten alle Länder der EU so hohe Biomülltrennungsraten wie Italien, wäre die neue Einkommensquelle immens. Großbritannien könnte jährlich Mülldeponiekosten in Höhe von 1,1 Milliarden US$ sparen, wenn Bioabfälle nicht mehr auf Mülldeponien abgeladen werden würden.
  • Getränkeproduktionsabfälle an andere Unternehmen verkaufen: In Brasilien könnten Bierbrauer beim Verkauf ihrer nährstoffreichen Schlempe (Getreidereste) an Fisch- und Tierzüchter zusätzlich 1,90-2,00 US-Dollar pro Hektoliter Bier einnehmen.
  • Alte Kleidung aufarbeiten: Großbritannien setzt heute schon Maßstäbe bei der Sammlung alter Kleidungsstücke mit einer durchschnittlichen Altkleidersammelrate von 65% der entsorgten Kleider. Ein Umsatz in Höhe von 1,975 Milliarden US-Dollar könnte laut McKinsey leicht mit dem Verkauf der aufgearbeiteten Kleidungsstücke generiert werden, was bei Sammel- und Sortierkosten von geschätzten 680 Milliarden US-Dollar einen Gewinn von über eine Milliarde bedeuten würde.
  • Verpackung: In Großbritannien könnten bei der Einführung von Pfandflaschen 5 US$ pro konsumierten Hektoliter Bier gespart werden. Die anfängliche 34-prozentige Erhöhung der benötigten Glasmenge pro Flasche wäre minimal, verglichen mit den endgültigen Einsparungen bei Verpackung, Herstellungsprozess und Distribution, die daraus entstehen würden, dass die Flaschen bis zu 30-mal wieder verwendet werden können, wie es heute in Deutschland schon der Fall ist.

In ihrem ersten Bericht fanden McKinsey und die Ellen MacArthur Foundation auch schon heraus: [3]

  • Die Herstellungskosten von Mobiltelefonen könnten um die Hälfte gesenkt werden, wenn die Industrie sie so gestalten würde, dass es einfacher wäre, sie auseinander zu bauen, und sie Anreize dafür bieten würde, die Telefone zurückzugeben.
  • High-end-Waschmaschinen wären für die meisten Haushalte dann erschwinglich, wenn sie geleast anstatt verkauft werden. Kunden würden circa ein Drittel pro Waschgang sparen und die Hersteller würden circa ein Drittel mehr Gewinne machen. Der Ersatz vom Verkauf von fünf 2.000-Waschgang-Maschinen mit dem Verleasen einer 10.000-Waschgang-Maschine würde eine Ersparnis von knapp 180 kg Stahl und über 2,5 Tonnen CO2 bedeuten.

[1] Vgl. Ellen MacArthur Foundation – Towards a Circular Economy Volume 1, 2010

[2] Vgl. Ellen MacArthur Foundation – Towards a Circular Economy Volume 2, 2012

[3] Vgl. Ellen MacArthur Foundation – Towards a Circular Economy Volume 1, 2010

Evelyn Oberleiter

Evelyn Oberleiter

Menschen und Organisationen in tiefgehenden Entwicklungsprozessen zu begleiten, die die Wahlfreiheit und die Achtsamkeit füreinander sowie für die Umwelt erhöhen, ist die Triebfeder ihres Handelns.

Evelyn Oberleiter, Mitbegründerin des Terra Institute, begleitet und berät seit über zehn Jahren Unternehmen und Organisationen unterschiedlichster Branchen und Größen. Den Fokus setzt sie dabei auf Organisationsentwicklung, Restrukturierungen, Unternehmenskulturprozesse, Implementierung effizienter und strukturierter Kommunikationsräume und –abläufe, sowie partizipative Führungsansätze. Evelyn Oberleiter verfügt über ein breites Wissen, ein schnelles Auffassungsvermögen, hohe Prozesskompetenz und Ergebnisorientierung, eine ausgedehnte Analyse- und Reflexionsfähigkeit, hohe Kommunikationskompetenz, sowie ein ausgeprägtes Systemdenken, Eigenschaften, die es ihr ermöglichen Gruppen wie auch Individuen sicher und langfristig durch Höhen und Tiefen zu navigieren. Neben ihrer Tätigkeit als Beraterin und Trainerin ist sie Geschäftsführerin des Terra Institute, der Terra Mater (Herstellung biologisch-dynamischer Erde) und der Terra Energy (Windkraft-Projekte).
Evelyn Oberleiter
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