29 Sep

Heiße Frage – Klimaneutralität in Südtirol

Der Kampf gegen die Erderwärmung ist ein globales Projekt. Konzepte der Klimaneutralität bieten auch der Südtiroler Wirtschaft Möglichkeiten, etwas für das Klima zu tun und damit wettbewerbsfähiger zu werden.

Südtirol ist ein schönes und ein reiches Land. Immer wieder bescheinigen uns Statistiken und Umfragen, dass es uns gut geht. Auch im Bereich des Klimaschutzes sind wir ganz vorne dran. Es gibt eine Klimalandstrategie. Die Bevölkerung verfügt über Sensibilität in Fragen der Umwelt und bei sozialen Themen. Alles in allem beste Voraussetzungen, um dem globalen Klimawandel entgegen zu treten. Oder? Es liegt nahe, sich ausschließlich auf unsere Wirklichkeit zu konzentrieren. Aber die Welt ist ein System von Menschen, die verbunden sind. Aus diesem Grund sollten wir uns einige Fragen etwas näher anschauen.

Macht Südtirol seine (Klima-)Hausaufgaben?

Laut Klimahausagentur erzeugt jeder von uns Südtirolern 4,2 Tonnen CO2 im Jahr. Ist das gut oder schlecht? Im Verhältnis zu anderen Europäern ist es gut, aber nicht klimaneutral. Ein deutscher Bundesbürger erzeugt im Schnitt zehn Tonnen, ein Italiener 7,2 Tonnen. Aber wieso? Wo liegt der Unterschied? Sind die Deutschen nicht Umweltmeister und die Italiener tun sich eher schwer damit? Die Zahlen erzählen nicht die Gesamtumstände. So ist es in Italien beispielsweise deutlich wärmer als in Deutschland und durch das Heizen verursachten Emissionen sind deutlich geringer als im Norden. Und Südtirol? Auch Südtirol hat mit seiner Wasserkraft, mit den kurzen Arbeitswegen und vielem mehr einfach sehr gute Voraussetzungen. Würde ein Südtiroler nach Deutschland umziehen, dann würde sich auch sein CO2-Fußabdruck deutlich erhöhen.

Der Klimagipfel von Paris hat die Weichen gestellt. Wird nun alles gut?

Paris war ein Meilenstein und die Richtung stimmt. Laut den meisten Experten sind die getroffenen Vereinbarungen aber immer noch zu wenig.

Klimaneutralität

Entwicklung CO2 Emissionen weltweit

 

Zurzeit verbraucht die gesamte Menschheit jährlich 35 Mrd. Tonnen CO2 im Jahr. Sollten wir nichts gegen den Anstieg tun, erreicht dieser Wert im Jahr 2050 65 Mrd. Tonnen. Dies würde wiederum eine Welt bedeuten, die rund sechs Grad Celsius wärmer als jetzt wäre. Nach den Berechnungen der Wissenschaft würden durch das großflächige Abschmelzen der Polkappen ganze Inselstaaten verschwinden, Küstenstädte und -Länder versinken und Vegetationen sich radikal verändern.

Das Klimaabkommen von Paris sollte dem konkret entgegenwirken. In Paris wurden deshalb zwei Dinge beschlossen. Erstens konkrete Zusagen zur Reduzierung der CO2 Emissionen. Mit diesen Zusagen erreicht man aber leider nur die Eingrenzung des Temperaturanstieges auf vier Grad Celsius. Aber auch die Auswirkungen mit vier Grad wären enorm. Schauen wir uns Südtirol an, dann könnten folgende Szenarien im Jahr 2050 aufgrund der Erderwärmung Wirklichkeit sein:

Wie beeinflusst die Erderwärmung Südtirol?

Wintertourismus: So wie wir ihn kennen, gibt es ihn nicht mehr. Es gibt kaum ein Skigebiet, das überlebt. Auch Gletschergebiete gibt es kaum mehr. Die besten Technologien verschaffen höchstens Zeit. Die Frage ist, was uns dieser Einsatz wert ist. Nur noch eine kleine Elite fährt Ski.

Landwirtschaft: Schon jetzt beginnt die Blütezeit in Südtirol um zwei bis drei Wochen früher als noch vor einem Jahrzehnt. Große Teile der heimischen Wälder werden 2050 dem landwirtschaftlichen Grün Platz gemacht haben. Wir müssen ja mit unseren Äpfeln & Co. höher hinaus. Die Temperaturverschiebungen stellen die Kulturlandschaften v.a. im Winter vor neue Herausforderungen. Wenn es im Winter nicht mehr richtig kalt wird, überleben Schädlinge und Parasiten.

Sommertourismus: Die Berggebiete profitieren im Sommer, die Tallagen werden sich neu orientieren müssen.

Handel und Handwerk: Beide hängen eng mit dem Tourismus zusammen und werden entsprechend in Mitleidenschaft gezogen.

Verarbeitendes Gewerbe: Die bestehenden Unternehmen arbeiten gut bis sehr gut und sind international gut aufgestellt. Der Export wird daher (je nach Branche) unabhängiger sein von den lokalen Veränderungen.  Er wird in seiner Wichtigkeit für den Gesamtwohlstand Südtirols sogar  noch zunehmen. Das heißt aber auch, dass wir noch abhängiger von internationalen Ereignissen sind. Welche weltweiten Phänomene hierbei ihre Auswirkungen zeigen, ist noch nicht abschätzbar.

Wie füllen wir den Ambition Gap?

Angesichts solcher Szenarien hat sich Paris zum zweiten ein weiteres Ziel gesetzt: Die Begrenzung auf ein Plus von zwei bzw. 1,5 Grad Celsius. Nachdem es aber dafür keine konkreten Umsetzungsstrategien gibt, wurde dies als sogenannte Zielvorgabe definiert. Mit einer „Ambition Gap“, einer Ambitionslücke, die es zu füllen gilt. Doch wie soll das gehen?

Allein durch Reduktion unserer Emissionen ist diese Zielvorgabe mit unserer heutigen Lebensweise nicht zu erreichen. Zurzeit haben wir in Europa einen Durchschnittswert des CO2 Ausstoßes pro Einwohner von neun Tonnen pro Jahr. Um das Zwei-Grad-Ziel bis 2050 zu erreichen, müsste dieser Wert auf 1 bis 1,5 Tonnen pro Jahr pro Einwohner sinken. Das ist unmöglich ohne einen sehr schmerzhaften Wohlstands-Einbruch. Auch in Südtirol müssten wir unseren Ausstoß um ca. 75 Prozent senken.

Aus diesem Grund erscheint eine andere Strategie geeigneter, die Ambitionslücke zu schließen: die Kompensation. Eine Kompensation ist, vereinfacht gesagt, die Investition in ein Projekt, welches entweder CO2 aus der Atmosphäre entzieht durch Aufforstungsprojekte oder ähnliches oder CO2 gar nicht entstehen lässt, indem fossile mit erneuerbarer Energie ausgetauscht wird.

Sind CO2-Kompensationen ein Freikauf der Wirtschaft?

Von einem Freikauf kann überhaupt nicht die Rede sein. Sogar wenn ein Unternehmen keinerlei Reduktion betreibt, aber all seine CO2 Emissionen mittels hochwertiger Klimaschutzprojekte kompensiert, leistet er für das Weltklima mehr als ein Unternehmen, dass „nur“ reduziert. Radikale Reduktion ist sicherlich der Königsweg hin zur Klimaneutralität. Aber sie hat ihre Grenzen und dauert, zudem sind viele gewerbliche Emissionen auf Dauer unvermeidbar. Reduktion ist wichtig für die Kostenseite, für die Sensibilisierung und für die Bewusstseinsbildung. Zusätzliche Kompensation ist entscheidend für die Senkung des weltweiten Gesamt-CO2-Ausstoßes.

Damit eine Kompensation wirklich zu einer Veränderung führt, muss sie einem hohen Standard entsprechen. Der „Gold Standard“ ist einer der angesehensten Standards, wenn es um Klimaschutzprojekte geht. Die Messlatte für Klimaschutzprojekte liegt dabei durch besonders strenge Zertifizierungsrichtlinien für Klimaschutzprojekte sehr hoch. Der Gold Standard ist Frucht einer Zusammenarbeit von über 40 Organisationen zum Thema, darunter auch der World Wide Fund for Nature (WWF).

Investitionen in Klimaschutzprojekte müssten schon rein aus ethischen Gründen eine Selbstverständlichkeit sein. Dahinter steht die Frage, wieso wir in der westlichen Welt zu so einem Wohl-stand gelangen konnten. Produkte sind bei uns zu einem Spottpreis zu erstehen, während sie in den Ländern, in denen sie produziert wurden, verhältnismäßig sehr teuer sind. Dort werden Menschen und Ressourcen ausgebeutet, hier sind die Produkte rund um die Uhr verfügbar. Allein deshalb wäre es an der Zeit, etwas konkret zurückzugeben – auch über solidarische Unterstützung wenn es um Klimaschutz geht.

Wie hängen Klima und Migration zusammen?

Ein Punkt, der in der Klimadebatte leider oft vergessen wird, ist die Tatsache, dass Migration und Klima sehr eng zusammenhängen. Sollte es auf diesen Planeten um einige Grad wärmer werden, würden wir auch in Südtirol die Auswirkungen spüren, doch wie extrem? Müssten wir unsere Heimat verlassen?

Wahrscheinlich nicht. Aber was ist mit Gebieten auf dieser Erde, die jetzt schon am Rande ihrer Existenz operieren? Was ist mit den weiten Teilen Afrikas, wo Hungersnöte, Dürren und Wetterkatastrophen jährlich zunehmen? Gleichzeitig wird der größte Bevölkerungszuwachs auf der Welt für Afrika prognostiziert. Dort leben zurzeit 1,2 Milliarden Menschen und bis zum Ende des Jahrhunderts werden es vier Milliarden sein. Haben alle Menschen dort eine Chance zu leben, wo sie geboren wurden? Oder machen Sie sich auf den Weg in eine bessere Zukunft? Wohin? Wir beginnen zu ahnen, welche Probleme und Herausforderungen die Migration im großen Stil mit sich bringen könnte. Derzeit muss Europa „nur“ mit seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 2,5 Mio fertig werden und gerät jetzt schon in soziale Schieflage. Was, wenn es zehnmal oder hundertmal mehr werden?

Den Menschen vor Ort eine Grundlage für ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, muss unser aller Ziel sein. Klimakompensation ermöglicht beides: das Klima retten und den Menschen vor Ort ein besseres Leben zu ermöglichen. Und es würde auch der Gerechtigkeitsfrage gut tun: Dass wir in unserer sogenannten „ersten Welt“ in solch einem Wohlstand leben, hat entscheidend damit zu tun, dass uns die „dritte Welt“ Rohstoffe und andere Ressourcen billig zur Verfügung stellt. Es müsste unser aller ethischer Anspruch sein, diesen Menschen mit unserem Geld ein besseres, eigenständiges Leben zu ermöglichen.

Wieviel Zeit haben wir?

Wir brauchen Zeit und zwar einige Jahrzehnte. Kompensationen sind ein Mittel, um uns Zeit zu kaufen. Zeit, um Bewusstsein zu schaffen und Technologien hervorzubringen, die es uns ermöglichen, anders auf diesem Planeten zu leben. Mit anderen Ressourcen, mit anderen Lebensstilen, aber nicht mit weniger Wohlstand. Dazu müssen wir allen Menschen auf diesem kleinen Planeten die Möglichkeit geben, Wohlstand, Bildung und Sinn in ihrem Tun zu erreichen. Klimaschutzprojekte sind so eine Möglichkeit. Packen wir es an!


Fokus 1: Was bedeutet Klimaneutralität?

Ein Südtiroler verursacht durch seine Handlungen, seine Ernährung, seine Mobilität, sein Energie-verbrauch usw. im Durchschnitt 4,2 t CO2 pro Jahr. Er kann sich nun entschließen, statt mit dem Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren und berechnet für das Jahr darauf einen privaten CO2 Fußabdruck von beispielsweise 3,9 t CO2 pro Jahr. Das ist nun besser, aber es ist nicht klimaneutral. Das wird es erst, wenn er auch diese 3,9 t in Angriff nimmt. Und das kann er mittels einer Kompensation in Klimaschutzprojekte tun. Weltweit gibt es Klimaschutz-Projekte die entweder helfen, CO2 einzusparen oder CO2 der Atmosphäre zu entziehen. Ersteres wären z.B. Projekte, in denen fossile Brennstoffe durch erneuerbare ersetzt werden. Zweiteres wären z.B. Aufforstungsprojekte. Und genauso wie es eine Privatperson macht, kann dies auch ein Unternehmen oder die öffentliche Hand tun.

Fokus 2: Das „Klimaneutralitätsbündnis 2025“

Im Jahr 2013 wurde das „Klimaneutralitätsbündnis Vorarlberg“ gegründet. Dazu haben sich zehn renommierte Vorarlberger Unternehmen zusammengeschlossen. Nach einer gemeinsamen Entwicklungsphase wurde diese Initiative in „Klimaneutralitätsbündnis 2025“ umbenannt und geöffnet, um die Mission – so viele Unternehmen wie möglich in das Bündnis zu bringen – erfüllen zu können. Im Bündnis werden Unternehmen, unabhängig von Branche, Standort und Größe, auf ihrem Weg zur Klimaneutralität begleitet. 2016 wurde das Bündnis auf Südtirol ausgeweitet. Zurzeit sind weitere Regionen in Vorbereitung.

 

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