11 Mrz

Das Finanzsystem als Retter vor dem Klimawandel?

Gerade überlagert das Corona-Virus die Aufmerksamkeit für den Klimawandel. Der geht jedoch auch ohne unser Hinschauen weiter.

Aber es gibt eine gute Nachricht, die zunächst überraschen mag: Das Finanzsystem als Retter vor dem Klimawandel?

Ja, das ist möglich. Hier spielt das Phänomen der „Kipp-Punkte“ eine Rolle. Den Begriff kennen wir aus der Klimadebatte: ist ein Kipp-Punkt einmal in Gang gesetzt, verstärkt er sich unaufhaltsam selbst und führt zu immer größeren Klimaänderungen. Ein Beispiel sind die Permafrostböden im Polarkreis: aufgrund der durch den Klimawandel verursachten Erwärmung beginnen die Permafrostböden aufzutauen – dadurch können große Menge Methan freigesetzt werden – das entweichende Methan ist ein hochpotentes Treibhausgas und führt zu weiterer Erwärmung – und die Böden tauen noch schneller auf. Ein Teufelskreis.
Gibt es vielleicht auch Kipp-Punkte, die in die andere Richtung wirken können: einmal in Gang gesetzt wirken sie der Klimakatastrophe entgegen? Das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung hat kürzlich einige technologisch-gesellschaftliche Entwicklungspotenziale untersucht und ist zu einem spannenden Ergebnis gekommen: im Welt-Finanzsystem könnte ein positiver Kipp-Punkt, also eine Erfolgsspirale, entstehen! Wenn immer mehr Banken und Versicherungen vor den globalen Risiken aus der Verbrennung fossiler Energien warnen und sich aus den Investments in diesen Industrien zurückziehen, kann das zu einem Lawineneffekt führen. Denn der Marktwert dieser Investitionen sinkt im Vergleich zu anderen rapide, und wer auf den gestrandeten Investments sitzen bleibt, hat verloren. Die Börsen können weltweit innerhalb von wenigen Stunden reagieren, wie wir aus den verschiedenen Finanzkrisen der letzten Jahre wissen. So ein dem Klimawandel entgegenwirkender Kipp-Punkt könnte also in kürzester Zeit Realität werden.

 

Erste Anzeichen des Wandels in der Finanzbranche gibt es bereits, z.B.

  • Ein Dutzend Finanzinstitute, darunter einer der weltweit größten Rückversicherer Munich Re, haben sich zur „Net-Zero Asset Owner Alliance“ zusammengeschlossen, um ihre Anlageportfolios klimaneutral zu stellen
  • Larry Fink, der Chef der weltweit größten Vermögensverwaltung BlackRock fordert: „Jede Regierung, jedes Unternehmen und jeder Anleger muss sich mit dem Klimawandel auseinandersetzen.“
  • Der riesige norwegische Pensionsfond zieht sich nach und nach aus fossilen Energien zurück.
  • Wolfgang Fink, Chef Kontinentaleuropa von Goldmann Sachs: „Klimaschutz ist hochprofitabel! Nachhaltigkeit ist die größte Investitionsgelegenheit der nächsten 20-30 Jahre!
  • Die deutsche Börse führt einen „Nachhaltigkeits-Dax“ ein, den ESG-Dax, und schließt fossile Energien dabei aus

 

Das sind mutmachende Nachrichten. Wie schnell der Kipp-Punkt im Finanzsystem erreicht wird, ist jedoch unbekannt. Deshalb sollten wir das beschleunigen, indem wir z.B. unsere Bank fragen, was sie eigentlich mit unserem Geld macht und fordern, dass sie keine Investments in fossilen Energien tätigt. Oder gleich zu einer Bank wechseln, die dies garantiert.

Hans-Ulrich Streit

Hans-Ulrich Streit

Berater & Trainer bei Terra Institute
Freundlich und konfliktfähig, empathisch und fordernd – stets in guter Balance, mit einer klaren und tiefen inneren Haltung und der Verbindung von hoher fachlicher und methodischer Kompetenz begleitet Hans-Ulrich Streit Unternehmen in Veränderungsprozessen im Bereich Organisationsentwicklung, in der Strategie- und Leitbildentwicklung, im Projektmanagement und in der Prozessoptimierung, als Führungskräftecoach, Moderator und Mediator. Vor allem anfänglich kaum lösbar erscheinende Aufgaben findet er besonders interessant.
Hans-Ulrich Streit