23 Nov

Abschied von der Wegwerfwirtschaft und Neubeginn im Paradigma der Circular Economy

Herleitung und Einführung in die Logiken der Kreislaufwirtschaft

Der deutsche Begriff „Kreislaufwirtschaft“ wird oft noch allein mit Abfallbewirtschaftung und Recycling in Verbindung gebracht. Das Konzept der Circular Economy geht aber weit darüber hinaus: Ziel ist das gezielte Design ganzer Produktionssysteme und Volkswirtschaften in Form von geschlossenen Kreisläufen und die damit einhergehende Abschaffung von Müll, Emissionen bzw. Energie- und Materialverlusten jeglicher Art.

Was illusorisch klingt, haben einige Pioniere heute schon umgesetzt. Sie schaffen  Produktivitäts- und Ertragsergebnisse, von denen andere nicht zu träumen wagen. Grundsätzlich ist das Konzept der „Circular Economy“ nicht einheitlich definiert. Ziel ist jedoch immer der möglichst effiziente Umgang mit den knappen Rohstoffen und deren wirksame Nutzung.

 

 

 

Abb.1: auch das Europäische Parlament fordert einen Paradigmenwechsel zur Kreislaufwirtschaft

Abb.1: auch das Europäische Parlament fordert einen Paradigmenwechsel zur Kreislaufwirtschaft

 

Ein radikaler Abschied

Konsequent umgesetzt ist Circular Economy der radikale Abschied von dem seit der Industrialisierung vorherrschenden linearen Produktionskonzept des „Take, Make, Dispose“. Dieses Konzept hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Menschheit mittlerweile die natürlichen Ressourcen von 1,7 Erden verbraucht.

Anstatt Abfälle zu verbrennen oder auf Deponien zu entsorgen, werden sie als neue Rohstoffe wieder in einen möglichst wertstiftenden Produktionsprozess zurückgeführt. Das heißt der Abfall des einen ist der Rohstoff des anderen – das ist die Grundlogik erfolgreicher Kreislaufmodelle. Dieses Konzept geht demnach viel weiter als eine Optimierung des Recyclings. Durch den Miteinbezug des gesamten Lebenszyklus inklusive der Lieferkette in die Produktentwicklung wird dafür gesorgt, dass Abfälle gar nicht erst anfallen. Hinzu kommen Materialinnovationen unter ökologischen Gesichtspunkten, mit denen der Bedarf an nicht erneuerbaren Ressourcen reduziert ist.  Beispielsweise erleichtertes Zerlegen (modular design) und eine vereinfachte Generalüberholung für die Wiederverwendung gebrauchter Bauteile (sog. „Remanufacturing“).

 

Sperrmüll

Abb. 2: So nicht: Sperrmüll auf der Deponie

 

Ökologisch sinnvoll, ökonomisch reizvoll

Abgesehen von der schieren Notwendigkeit, die gegenwärtige Wirtschaft umzukrempfeln, damit natürliche Ressourcen dauerhaft zur Verfügung stehen, besticht die Circular Economy mit handfesten ökonomischen Anreizen. Über die Kosteneinsparung für nicht mehr benötigte Primärrohstoffe hinaus entstehen neue Nutzungs- und Geschäftsmodelle. Denn die Circular Economy ziel darauf ab, den Nutzwert der verkauften Produkte zu optimieren, anstatt möglichst viele Produkte zu verkaufen. Damit ist sie mit Ansätzen servicebasierter Geschäftsmodelle (u.a. Sharing Economy) gut kombinierbar. Wenn beispielsweise das Produkt im Eigentum des Herstellers bleibt und man lediglich für dessen Nutzung bezahlt, entstehen ökonomische Anreize für verlängerte Haltbarkeit und Reparierbarkeit.  So ergeben sich Einsparungen von Ressourcen bei gleichzeitiger Steigerung des Gewinns.

 

Orientierung im Dschungel der Definitionen

Circular Economy ist heute noch kein einheitlich definiertes Wirtschaftsmodell. Vielmehr ist es ein Sammelsurium an verschiedenen Techniken, Instrumenten und Grundsätzen, auf Basis von geschlossenen Kreisläufen.

Forscher aus den Niederlanden kamen bei einer Recherche der derzeitigen Literatur auf 95 voneinander verschiedene Definitionen von Circular Economy (Kirchherr, Reike and Hekkert, 2017. Conceptualizing the circular economy: An analysis of 114 definitions). Dabei weisen sie auf einen zentralen kritischen Punkte hin: nur ein kleiner Teil der zahlreichen Definitionen bringt zur Geltung, dass ein Umstieg auf die Circular Economy einen ganz grundlegenden Systemwandel bedeutet.

Aus Sicht des Terra Institutes ist die Grundlage der Circular Economy ein völlig neues Verständnis von Konsum, ein neues Verständnis und eine neue Dringlichkeit von Kooperation und sozialem Miteinander. Die Konsequenzen eines Systemwandels weg vom „Produzieren – Kaufen – Wegwerfen“ und hin zu dem alles verwenden und wiederverwenden braucht eine Reife des Bewusstseins, der Transparenz, der sozialen Fähigkeiten und der kombinatorischen Intelligenz.

Wenn wir auf der Suche nach einem in sich stimmigen Verständnis von Circular Economy einmal total aus dem bisherigen Wirtschaftssystem „herauszoomen“ und uns auf die Spur der Natur machen, stellen wir fest: Die Natur kennt keinen Abfall. Alle Komponenten des Systems spielen eine wichtige Rolle. Alles ist im Fluss in mehr oder weniger großen Kreisläufen, wo die Endprodukte eines Organismus die Nahrung eines anderen sind. Ein Beispiel dafür ist das CO2: Für Tiere ist es ein Endprodukt ihres Stoffwechsels, für Pflanzen die lebensnotwendige Ressource. Es wird mittels der Photosynthese in Zucker, Stärke und Zellulose umgewandelt, die den Tieren wiederum als Nahrung dienen. Wie Kohlenstoff befinden sich auch die anderen Elemente des Lebens (Stickstoff, Phosphor etc.). in ständigem Umlauf ganz ohne Abfallprodukte.

 

In einer Wirtschaft, die sich an der Natur ein Beispiel nimmt, geht es demnach nicht nur mehr darum, die negativen Auswirkungen bestehender Prozesse zu minimieren oder einen bestimmten Grenzwert zu unterschreiten, um ein Umweltzertifikat zu bekommen. Eine Wirtschaft nach dem Vorbild der Natur ist von Haus aus zu 100% produktiv und erneuerbar. Alle Materialien haben einen Wert im Gesamtprozess, wenn dieser nach dem Grundgedanken natürlicher Kreisläufe konzipiert ist.

Auf dem Weg dorthin gibt es logischerweise jede Menge technologische Herausforderungen; das Überwinden mentaler Hürden spielt aber auch eine entscheidende Rolle, wie aus einer Fallstudie bei Jaguar Land Rover klar hervorgeht. Wenn Produkte von Anfang an mit einer „zero waste“ -Haltung konzipiert werden, finden sich stets auch Lösungen.

 

Circular Economy und Nachhaltigkeit

Die Ansätze der Circular Economy bringen eine erheblich verbesserte Umweltbilanz bei gleichzeitig gesteigerter Profitabilität. Ein „Mehr“ an Nachhaltigkeit ist dann rundum erreicht, wenn auch soziale Gerechtigkeit Teil des Systemwandels wird.

Was, wenn die Unternehmen an Menschen in jenen Ländern, in denen sie jahrzehntelang günstig Rohstoffe bezogen haben oder viele Produkte verkauft haben und viel Müll dort gelassen haben, währenddessen sie dafür Geld entgegengenommen haben, in Form verschiedenster Kooperationen Wertschöpfung und Arbeitsplätze zurückfließen lassen? Dann wird auch in der zwischenmenschlichen Bilanz von Geben und Nehmen Ausgleich geschaffen und die weltweiten Volkswirtschaften co-kreieren Schritt für Schritt eine Welt, die für alle funktioniert.

Evelyn Oberleiter

Evelyn Oberleiter

Menschen und Organisationen in tiefgehenden Entwicklungsprozessen zu begleiten, die die Wahlfreiheit und die Achtsamkeit füreinander sowie für die Umwelt erhöhen, ist die Triebfeder ihres Handelns.

Evelyn Oberleiter, Mitbegründerin des Terra Institute, begleitet und berät seit über zehn Jahren Unternehmen und Organisationen unterschiedlichster Branchen und Größen. Den Fokus setzt sie dabei auf Organisationsentwicklung, Restrukturierungen, Unternehmenskulturprozesse, Implementierung effizienter und strukturierter Kommunikationsräume und –abläufe, sowie partizipative Führungsansätze. Evelyn Oberleiter verfügt über ein breites Wissen, ein schnelles Auffassungsvermögen, hohe Prozesskompetenz und Ergebnisorientierung, eine ausgedehnte Analyse- und Reflexionsfähigkeit, hohe Kommunikationskompetenz, sowie ein ausgeprägtes Systemdenken, Eigenschaften, die es ihr ermöglichen Gruppen wie auch Individuen sicher und langfristig durch Höhen und Tiefen zu navigieren. Neben ihrer Tätigkeit als Beraterin und Trainerin ist sie Geschäftsführerin des Terra Institute, der Terra Mater (Herstellung biologisch-dynamischer Erde) und der Terra Energy (Windkraft-Projekte).
Evelyn Oberleiter
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