15 Apr

Vom Leben in der Blase und den Wegen hinaus

Das Phänomen von Blasen in der Wirtschaft und ihrer destruktiven Kraft ist spätestens seit der letzten Finanzkrise vielen Menschen ein Begriff.

Schenkt man dem renommierten amerikanischen Wissenschaftler, Autor und Professor an der MIT Sloan School of Management, Peter Senge, Glaube, dann ist das gesamte industrielle Zeitalter eine solche Blase.

Was ist eigentlich eine Blase?

Eine Blase entsteht, wenn eine Gruppe von Menschen anfängt, nach anderen Gesetzmäßigkeiten zu leben als das größere System, in das sie eingebettet ist. Es entsteht eine Parallelwelt. Diese scheint real, weil Rückkoppelungsprozesse und Feedbackschleifen zum größeren System verzögert oder ganz unterbrochen sind (z.B. Auswirkungen von CO2 auf unser Klima). Das Handeln in der Blase basiert auf ungeprüften Annahmen, die wahr scheinen, es aber nicht unbedingt sind. Innerhalb der letzten Spekulationsblase bspw. schienen die Wertsteigerungen real zu sein. Doch als die Blase zu groß wurde, kollidierte sie mit der Realität und platzte.

Senge argumentiert, dass die Krise, die wir heute erleben, in Wahrheit das Platzen der Blase des industriellen Zeitalters ist. Die Art und Weise, wie wir unsere fundamentalen menschlichen Bedürfnisse nach Energie, Nahrung und Wasser, Materialien (Waren und Dienstleistungen), Vielfalt und Gemeinwohl erfüllen, widerspricht den Gesetzmäßigkeiten der Natur. Die Bedürfniserfüllung kann in der Blase nicht nachhaltig gewährleistet werden und wird uns früher oder später zur Rückkehr zu den natürlichen Gesetzmäßigkeiten zwingen.

Abbildung 1: Die Blase des industriellen Zeitalters.

Die_Blase_des_industriellen_Zeitalters

Quelle: nach Senge 2011

Unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten

Energie: Die Natur bedient sich der Energie der Sonne und aller damit einhergehenden Energieformen. Diese ist frei verfügbar und unbegrenzt. Mensch und Wirtschaft hingegen, sind in hohem Maße von der Nutzung fossiler Brennstoffen abhängig, welche jedoch begrenzt sind.

Nahrung: In der Natur stammt der Großteil der Nahrung aus der lokalen Umwelt, auch wenn in einigen Fällen Samen über große Distanzen vom Wind getragen werden. Unsere Lebensmittel sind hingegen nur zu einem kleinen Bruchteil lokalen Ursprungs, sie reisen zumeist tausende Kilometer, sind häufig gentechnisch verändert, chemisch angereichert und auf verschiedenste Art und Weise konserviert.

Material: In der Natur gibt es keinen Abfall. Des einen Abfall ist des nächsten Nahrung. Unser Wirtschaftssystem folgt dem Prinzip entnehmen – herstellen – wegwerfen. Dadurch verbrauchen wir enorme Mengen an begrenzten Rohstoffen und produzieren ebensolche Mengen von Abfall.

Vielfalt: Die Resilienz natürlicher Systeme beruht auf biologischer Vielfalt und Kooperation. Je mehr Spezies miteinander kooperieren, desto stabiler ist das Ökosystem. In unserem globalen Wirtschaftssystem streben wir hingegen nach Standardisierung, um Produktivität und Effizienz zu steigern. Differenzierung steht an der Stelle von Diversität.

Gemeinwohl: Seit Jahrtausenden haben gesunde Gesellschaften, die Bestand hatten, ein Gefühl von Zugehörigkeit und Geborgenheit gefördert. Sie bildeten ein Beziehungsgeflecht, in dem jeder darauf vertrauen kann, dass seine elementaren materiellen Bedürfnisse erfüllt werden. Unser Wirtschaftssystem assoziiert mit sozialem Wohlergehen nahezu ausschließlich finanziellen Reichtum. Das Streben nach Gewinn steht im Vordergrund.

Die Evolution der Wirtschaftsansätze – ein Versuch neue Wege entstehen zu lassen

„Wer glaubt, dass die Wirtschaft endlos weiterwachsen kann, ist entweder verrückt oder Wirtschaftswissenschaftler“ Kenneth Boulding Wirtschaftswissenschaftler

Solange wir in der Blase gefangen sind fällt es uns schwer, neue Lösungen und Wege für ein Zusammenleben zu denken und zu erspüren. Deshalb scheint es sinnvoll, sich mit den zugrundeliegenden ungeprüften Annahmen verschiedener Wirtschaftsansätze auseinanderzusetzen, um neue Wege und Impulse für die Zukunft entstehen zu lassen.

Der heute dominante Wirtschaftsansatz in der Blase, den Gunter Pauli, belgischer Entrepreneur und Autor des Buches Blue Economy, als die Rote Wirtschaft bezeichnet, ist ein System von „Fressen und Gefressen werden“. Profitabilität und hohe Kapitalrendite sind die Kernziele. Der Konkurrenzkampf bestimmt das Wirtschaften. Profitmaximierung wird mit Kostensenkung gleichgesetzt. »Es geht billiger« und »genug gibt’s nicht« sind die Grundannahmen, die sich im roten Wirtschaftsalltag etabliert haben.

Die Kernannahmen der roten Wirtschaft:

1. Mehr ist besser.
2. Geld = Erfolg.
3. Sich um das Gemeinwohl zu kümmern ist Aufgabe der Politik, nicht der Wirtschaft.
4. Geiz ist geil.
5. Der Markt regelt sich von selbst.
6. Konsum macht glücklich.
7. Mein Wert bemisst sich an meinem Erfolg.
8. Konkurrenz ist ein Naturgesetz.
9. Menschen brauchen Konkurrenz als Motivator.
10. Mit sozialen Projekten kann/darf man kein Geld verdienen.
11. Fressen oder gefressen werden.
12. Alles und jeder ist käuflich.

Im Weltbild der roten Ökonomie werden der Natur biologische Materialien entnommen, mit Energie und Rohstoffen aus endlichen Quellen Produkte hergestellt, welche nach ihrem Gebrauch als nicht abbaubarer Abfall in der Natur deponiert. Wir sprechen von einem Take-Make-Waste-Ansatz: entnehmen – herstellen – wegwerfen. Die Schatten des roten Wirtschaftsmodells liegen auf der Hand und bedingen große Schäden für die Menschen und die Natur.

Daher ist es kaum verwunderlich, dass die erste Gegenbewegung inzwischen fast 50 Jahre alt ist – die sogenannte grüne Wirtschaft. Die grüne Wirtschaft ist ein Schritt der guten Absicht hin zu einer besseren Wirtschaft, jedoch nicht der Weisheit letzter Schluss.

Die Kernannahmen der grünen Wirtschaft.

1. Nachwachsend = nachhaltig.
2. Ressourcen sind begrenzt und müssen geschont werden.
3. Grün ist gut, rot ist schlecht.
4. Gutes Gewissen darf Geld kosten.
5. Produkte, die für mich und die Umwelt gut sind, sind besser und dürfen deshalb auch mehr kosten.
6. Weniger ist mehr, anders ist besser.
7. Bio= bio, und bio ist gut.

Kohlenstoff- und emissionsarme Technologien sowie ressourcenschonende Produktionsverfahren sind sinnvoll, um die Gesetzmäßigkeiten der Natur besser zu respektieren. Doch Effizienzsteigerungen allein können nur der Übergang zu einer intelligenteren und damit nachhaltigeren Wirtschaft darstellen, die es verstehen wird, endlos vorhandene Energiequellen wie Sonne und Wind zu nutzen. Denn Effizienzsteigerungen werden zu einem großen Teil durch den Reboundeffekt absorbiert, das heißt, dass die auf der einen Seite durch die technologische Innovation eingesparte Energie vom Mehrkonsum teilweise absorbiert wird.

Ebenso verhält es sich mit dem Recycling zur Schonung von Ressourcen. Recycling ist die Müllreduzierungsmethode, die unsere Konsumgewohnheiten am wenigsten einschränkt. Dauerhaft muss Abfall als Konzept aber vollständig aus jeder Wertschöpfungskette eliminiert werden.

„Grüne“ Produkte sind nicht automatisch auch sozial gerecht, und auch die grüne Wirtschaft bleibt weiter auf Wachstum angewiesen. Dennoch ist der Entwicklungsschritt der roten zur grüner Wirtschaft ein wichtiger: Es passiert hier viel Forschung und Entwicklung neuer Materialien, Technologien und Verfahren. Außerdem entstehen unternehmerische Kooperationen, die Zuversicht und Optimismus geben, weil sie in guter Absicht an der Wirtschaft von morgen arbeiten.

Eine neue Wirtschaft entsteht: die blaue Wirtschaft, wie Gunther Pauli sie nennt und in der englischen Bezeichnung »blue economy©« heißt. Dahinter steckt das uralte Konzept der Kreislaufwirtschaft. Der zentrale Gedanke einer Kreislaufwirtschaft ist »kein Abfall«, mit der Konsequenz, dass alle eingesetzten Rohstoffe über den Lebenszyklus einer Ware hinaus wieder vollständig in den Produktionsprozess zurückgelangen. Somit bildet die Kreislaufwirtschaft das schlichte Gegenteil zur linearen Wegwerfwirtschaft, welches derzeit das vorherrschende Prinzip der industriellen Produktion ist. Diese neue Wirtschaft, neben blue economy auch circular economy genannt, basiert auf von der Natur inspirierten Grundannahmen und Grundsätzen.

Die Kernannahmen der Blue Economy.

1. Der Müll des einen ist der Rohstoff des anderen.
2. Kooperation ist der Schlüssel zum Erfolg.
3. Die Arbeitsweise und die Grundsätze der Natur sind auf die Wirtschaft übertragbar.
4. Alles verändert sich ständig.
5. Diversifikation erhöht die Stabilität.
6. Mit den Kräften der Natur arbeitet es sich günstiger, da das effizienter ist.

Indem dieses Wirtschaftsmodell auf Naturgesetzen aufbaut, bereitet es auf ein Leben außerhalb der Blase vor. Mit der Sicherstellung, dass sich das unternehmerische Ökosystem mit allen Mitarbeitern, Partnern und Ressourcen in der »wirklichen« Wirklichkeit befindet, ist es nicht nur zukunftsfähiger, sondern auch krisenresistenter und wachstumssicherer.

Gemeinsam mit Ingrid Messner, einer australischen Nachhaltigkeitsberaterin, haben wir folgende zusammenfassende Beschreibung von Unternehmen unterschiedlicher Entwicklungsstufen entwickelt. Sie spiegelt die Unterscheidung in rote, grüne und blaue Unternehmen wider.

Tabelle 5: Übersicht über klassische und nachhaltige Unternehmen und über Unternehmen der Zukunft

Überblick über klassische und nachhaltige Unternehmen und Unternehmen der Zukunft

Mehr zu diesem Thema finden Sie in unserem aktuellen Buch „Sustainable Companies – Wie Sie den Aufbruch zum Unternehmen der Zukunft wirksam gestalten – ein Leitfaden“.

Zur Buchbestellung

Photo Credits: Michelle Lessy, The bubble…it exploded, 06.03.2011, flickr.com

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