11 Dez

Systemisches Denken in der Wirtschaft: Transformation in Richtung Nachhaltigkeit

Ein Glaubenssatz für viele Nachhaltigkeitsberatungen lautet: Was gut ist für die Menschheit und die Natur dient auch dem Unternehmen. Das wäre der natürliche, hausverstandslogische Weg. Nur hat Homo sapiens diese Reihenfolge etwas „verkehrt“. Peter Senge schreibt dazu in „Die notwendige Revolution“: „Ist die Wirtschaft Teil der Ökosysteme und der Menschheit der Erde oder ist es umgekehrt?“

Die Blase, in der wir leben, suggeriert uns letzteres. Die Ökosysteme und die Menschen sind Ressourcen der Wirtschaft, so Senge. Weiter meint er, dass jede Blase platzen wird, weil sie die Gesetzmäßigkeiten der Natur und des Lebens nicht respektiere. Meine weiterführende Frage dazu: Hat uns diese „Verdrehung“ der Tatsachen glücklich gemacht, oder uns vielmehr vom Strom des Lebens abgeschnitten und uns in die misslichen, freundlosen und leidvollen Situationen geführt, von denen ich anfangs berichtet habe?

Ich kann dazu nur eines sagen: Wo ich in meinen Beratungsprojekten das Unternehmen, mit Mission und Auftrag, wieder an seinen „natürlichen“ Platz in Unterordnung zu Ökologie und Gesellschaft geführt habe, da strahlen mir die Gesichter lachend entgegen. Da sprüht Freude und Kreativität und oft höre ich in den Gängen mittlerweile altmodische Sätze, wie: „Das macht einfach Sinn!“ oder „Das ist einfach gut, was wir tun!“

Systemisches Denken lässt sich am Beispiel des Körpers veranschaulichen: Koppelt sich eine Zelle oder ein Organ vom Rest ab, so ist es sehr schnell einem Verfallsprozess ausgesetzt. Und wandelt es sich zum Krebs, indem es auf Kosten des übergeordneten Systems wuchert, so ist es mittelfristig auch dem Verfall verschrieben. Seien wir doch ehrlich: Beide Phänomene kennen wir aus der Wirtschaft. Die Abkoppelung und den Krebs.

Was wäre dies für eine Welt, in der sich die Wirtschaft und die Unternehmen auf diese simplen Zusammenhänge rückbesännen? Meine persönliche Antwort: Die einzig real mögliche Welt, wenn wir weiter existieren wollen … Aber wollen wir noch? Oder haben uns die Traurigkeit der Abkoppelung von einem übergeordneten System und die Dynamik des Krebses vollends übermannt?

Wenn die Wirtschaft erneut verstünde, dass Unternehmen – wie im übrigen jedes lebendige System – nur dann nachhaltig Bestand haben können, wenn sie Aufgaben verfolgen, die gut für Mensch, Natur, die Erde und damit das Unternehmen selbst sind? Nachhaltigkeit und Dienst nicht mehr nur löbliche ethische Haltungen wären, sondern vielmehr betriebswirtschaftlich vernünftige Handlungsweisen?

Es gibt heute schon unternehmerische Zukunftsmodelle, die als Brücke zur gesunden Entwicklung von Menschen, Gemeinschaft und Erde dienen können. Die in allem ihrem unternehmerischen Tun ihre Umfelder befähigen, stärken und bedienen. In denen heute anstatt Kraft-, Freudlosigkeit und Frust, eine lebensbejahende, pulsierende Energie den Alltag beherrscht.

Das ägyptische SEKEM ist hierfür ein glänzendes Beispiel. Wirtschaftlicher Erfolg wird dort mit kultureller Entwicklung, Ökologie und sozialer Verantwortung verbunden. Die Sekem Holding besteht aus neun Firmen, die Baumwoll-Textilien, erneuerbare Energie, Lebensmittel, Tees, Gewürze sowie Heilmittel herstellen, verarbeiten und international handeln. Vom Unternehmensinhaber, Prof. Ibrahim Abouleish, wird Sekem nicht nur als Unternehmen, sondern als lernende Gemeinschaft bezeichnet. Der von ihnen verfolgte Wirtschaftsansatz wird von ihm als „Ökonomie der Liebe“ bezeichnet.

SEKEM (Ägypten)

Gesellschaft und Wirtschaft erleben heute weltweit eine umfassende Transformation. Die heutigen Herausforderungen lassen sich mit althergebrachten Methoden und linearem Stückwerksdenken nicht bewältigen. Als erfolgreiche Unternehmer meine ich deshalb heute Menschen, die aus der Prägung der Gewinnmaximierung herausgewachsen sind. Stattdessen besinnen sie und sich zurück und erkenne, wie ökologische Prozesse und soziale Gerechtigkeit etwas mit Wirtschaft zu tun haben. Systemisches Denken oder Hausverstand: Denn nur dann, wenn die Wirtschaft wieder ihren Platz einnimmt, in Unterordnung zur Ökologie und zur sozialen Balance, bleiben wir langfristig überlebensfähig – und glücklich!

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