15 Dez

Schweizer Klima & Energiestrategie aus Sicht der Wirtschaft – warum sich eine Vorreiterrolle lohnt

  • Dezember 15, 2014
  • von tma

Im September 2014 wurde die Schweiz vom Weltwirtschaftsforum zum 6. Mal zum wettbewerbsfähigsten Land der Welt ernannt. Kaum ein Land bietet so gute Voraussetzungen für die Wirtschaft, um sich als Cleantech-Vorreiter global zu positionieren1.

Die Schweiz ist aber auch ein Hochpreisland mit kleinem Heimmarkt. Um im internationalen Wettbewerb kurz- und langfristig zu bestehen, muss sich die Schweizer Wirtschaft von der globalen Konkurrenz durch Innovation abheben. Und Innovation braucht Visionen.

Seit 2009 arbeitet swisscleantech als Wirtschaftsverband, der sich für eine nachhaltige Marktwirtschaft einsetzt, daran, die Schweiz als Hub und globalen Vermittler für nachhaltige Entwicklung zu profilieren. Die Schweiz, für die swisscleantech sich einsetzt, ist eine Schweiz, die allen Bewohnerinnen eine hohe Lebensqualität bietet. Sie ist wettbewerbsstark und zukunftsfähig, weil sie innovativ, tolerant und weltoffen ist. Wirtschaft und Gesellschaft respektieren die natürlichen Grenzen und fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Weg zu dieser Vision ist ein Wachstum, das weder die natürlichen, noch die menschlichen Ressourcen übernutzt. Denn eine ernsthafte Stärken-Schwächen-Analyse zeigt: Würden heute alle Menschen so leben wie die Bewohner der Schweiz, bräuchte es 2,8 Planeten Erde. Ein zu hoher Preis für das Wachstum von morgen.

Die Zielgruppen des Kongresses „think more about – Tage der Nachhaltigkeit“ zeigen es auf: Diese Ansicht teilen immer mehr Menschen, von jung bis alt. swisscleantech ist die Stimme jener Unternehmen, die Nachhaltigkeit weniger als Herausforderung, sondern als Chance verstehen. In der Klima und Energiepolitik zeigt sich aktuell wie sich die Spreu vom Weizen trennt.

Denn die Energiewende ist nicht nur technisch machbar und langfristig gewinnbringend, sie birgt vor allem enorme First-Mover-Vorteile. Wenn es gelingt, unsere Energiepolitik auf die Bereiche Energieeffizienz, Erneuerbare Energien, intelligente Netze und Speicher auszurichten und diese optimal aufeinander abzustimmen, wird mehr Wertschöpfung vom Ausland ins Inland verlagert. Schlanke und transparente Rahmenbedingungen stärken den Heimmarkt und steigern zudem die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in den schnell wachsenden internationalen Cleantech-Exportmärkten.

Beim Klima steht die Ampel auf gelb: Im April 2014 stiegen die CO2-Werte auf 400 ppm. Eine solche CO2-Konzentration wurde zuletzt vor über 800’000 Jahren auf der Erde gemessen. Um die globale Erwärmung bis 2050 bei durchschnittlich 2 Grad zu halten, müssen die Treibhausgas- und insbesondere die CO2-Emissionen global drastisch gesenkt werden. swisscleantech hat deshalb mit der Klimakampagne «We Tell you – Klima schützen lohnt sich» die Erhöhung des CO2-Reduktionsziels auf minus 40% bis 2020 gefordert. Der Bundesrat sah im Mai leider trotzdem noch keinen Handlungsbedarf für eine Erhöhung und bleibt beim Minimalziel von 20% Reduktion bis 2020. Das entspricht in keiner Weise einer Vorreiterrolle. Dies zeigt einmal mehr, dass gewisse Kreise zwar davon profitieren wollen, Vorreiter zu sein, aber nicht weitsichtig genug sind, den Vorsprung auch für die Zukunft zu sichern.

Der Wirtschaft hat der Bundesrat damit einen Bärendienst erwiesen: Ökonomen wie Lord Nicholas Stern zeigen, dass es kosteneffizienter ist, frühzeitig in kohlenstoffarme Technologien und in eine Umstellung der Energiesysteme zu investieren, als die Kosten der Klimarisiken in Kauf zu nehmen. Diese Sichtweise wird sich längerfristig weltweit durchsetzen. Eine ambitionierte Schweizer Klimapolitik bietet deshalb für die Wirtschaft Chancen: Sie kann die Entwicklung von Lösungen anstossen, die weltweit bereits heute und noch vermehrt in Zukunft nachgefragt sein werden. Im November 2014 entscheidet der Bundesrat darüber, welche Klimaziele er auf der UNO Klimakonferenz im Dezember in Lima und 2015 in Paris verkünden wird. Das Reduktionsziel ab 2030 wird nun umso höher angesetzt werden müssen. Denn für Klima- wie für die Energiepolitik gilt: Je ambitionierter die Ziele, desto grösser die First-Mover-Advantages einer Wirtschaft und eines Standorts, der den Kurs halten kann – auf 2 Grad. swisscleantech2 setzt sich spezifisch und konsequent dafür ein, dass jetzt nicht noch einmal eine Chance verpasst wird.

1 Cleantech ist ein Qualitätsmerkmal für nachhaltiges Wirtschaften. Cleantech sind nicht einzelne Industrien oder Branchen, sondern alle Prozesse, in denen höhere Ressourceneffizienz angestrebt wird, ein geringerer Bedarf an natürlicher Fläche, weniger Ausstoss von Schadstoffen und die Reduktion negativer Umwelteinflüsse.

2 Der Wirtschaftsverband swisscleantech (http://www.swisscleantech.ch) steht für eine nachhaltige und liberale Wirtschaftspolitik. Er ist die Schweizer und Liechtensteiner Stimme der grünen Wirtschaft und bündelt die Kräfte jener Unternehmen und Verbänden die der nachhaltigen Entwicklung auf internationaler Ebene Wert einräumen und eine Cleantech Vorreiterstrategie aktiv unterstützen. Nebst politischer Meinungsvertretung bietet swisscleantech Mitgliederdienstleistungen an (Datenbank, Newsservice, Veranstaltungen, Fokusgruppen) und unterstützt Referenzprojekte im In- und Ausland. swisscleantech vertritt rund 300 direkte Firmenmitglieder und über 20 Branchenverbände.

Nick Beglinger

Referent „think more about“ Schweiz, Oktober 2014

Nick Beglinger

Zum Autor

Nick Beglinger ist Gründer und Geschäftsführer der Zürcher Stiftung FFGS sowie Präsident des Wirtschaftsverbandes swisscleantech. Er sammelte Berufserfahrung bei McKinsey, Boston Consulting und der ING-Bank sowie in der Planung und Gestaltung komplexer Immobilien- und Infrastrukturprojekte in Asien und Middle East. Seit Mitte 2008 widmet er sich vornehmlich dem Thema, wie die Schweiz als Vorreiterin im Bereich der Grünen Wirtschaft profitieren und dabei auch einen Beitrag an die nachhaltige Entwicklung auf globaler Ebene leisten kann.

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