25 Okt

Produkte I Supply Chain Management

In Berlin ging gerade der viertägige internationale Kongress der Strategic Management Society zuende. Sie gilt als weltweit wichtigste Vereinigung zur Erforschung und Entwicklung unternehmerischer Strategien. Die Veranstaltung mit 1200 Teilnehmern stand in diesem Jahr ganz im Zeichen von Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit: „Strategies that move the world“.

Die Konferenz hatte äußerst spannende Schwerpunkte. Auf einen gehen wir in diesem Beitrag näher ein.

Die fünf Haupt-Streams in der Konferenz

  1. Der globale Klimawandel und seine Auswirkungen auf unternehmerische Strategien. Hier ging es u.a. um die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, die im Zusammenhang des Supply Chain Managements auch die Umweltkosten adäquat berücksichtigen. Das ist das Schwerpunktthema dieses Beitrags. Aber auch die anderen vier Streams sind höchst relevant für zukunftsfähige Unternehmen.
  2. Was bedeutet eigentlich Wachstum – und gibt es wirtschaftliche Strategien jenseits von quantitativen Wachstum? Wo sind die Grenzen des Wachstums erreicht, wie lassen sich neue Geschäftsfelder ohne begrenzende ökologische und soziale Auswirkungen entwickeln?
  3. Urbanisierung: Derzeit leben schon mehr als 50 % der Weltbevölkerung in Städten, Tendenz stark steigend. Wie kann die Stadt der Zukunft strategisch gesteuert werden? Was sind Smart Cities? Welche Logistik-Strategien benötigen wir in Zukunft?
  4. Die Ungleichheit in der Welt nimmt zu. Den ökologischen Fussabdruck kennen wir alle. Auf der Konferenz wurde auch der „Ungleichheitsfußabdruck“ vorgestellt und gefragt, wie er verringert werden kann. Auch das ist eine grundsätzliche strategische Frage: Welche Geschäftsmodelle könnten in Märkten am unteren Ende der Wohlstandspyramide funktionieren; was können Unternehmen tun, um auch innerhalb der eigenen Organisation Ungleichheit zu verringern?
  5. In der ganzen bisherigen Menschheitsgeschichte war Knappheit der wichtigste Treiber für wirtschaftliches Handeln und bestimmte unser Denken. Mit der Digitalisierung stimmt das für immer mehr Bereiche nicht mehr: z.B. der itunes-Song lässt sich (fast) kostenlos beliebig vervielfältigen (siehe z.B. Jeremy Rifkin mit seiner „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ oder Paul Mason „Postkaptialismus“). Welche Geschäftsmodelle können in diesem Umfeld entstehen?

Die Supply Chain

Konzentrieren wir uns auf das eingangs genannte Thema, die Supply Chain. So wie unsere globalisierten Lieferketten aufgebaut sind, geben sie Anlass zu der pointierten Aussage, wir Konsumenten seien im Grunde so etwas wie Sklavenhalter: Wir lassen unsere iPhones von zwangsrekrutierten Arbeitern in China zusammenbauen, unseren Honig von unterbezahlten mexikanischen Imkern ernten und unsere Hemden von Frauen in Bangladesch nähen, die beim Einsturz des Fabrikgebäudes ums Leben kommen können. Und das ist nur die soziale Seite, die ökologischen Folgen des Raubbaus bei Bodenschätzen und Landnutzung, der Abfallentsorgung usw. kommen noch hinzu.

Von nachhaltiger Beschaffung kann erst dann gesprochen werden, wenn die sozialen und ökologischen Anforderungen über die gesamte Lieferkette hinweg eingehalten werden. Dafür braucht es eine aktive Auseinandersetzung mit den von den Lieferanten bezogenen Produkten und Dienstleistungen. Denn die Beschaffung ist erst dann nachhaltig, wenn ein Unternehmen für sämtliche soziale und ökologische Folgewirkungen und Risiken „von der Wiege an“ Verantwortung übernimmt.

Das Wissen um die volle Nachverfolgbarkeit der verwendeten Rohstoffe spielt deshalb eine immer größere Rolle. Wie schwer das bei der heutigen globalen Vernetzung der Lieferketten erreichbar ist zeigt Harald Welzer mit einem detailliert beschriebenen Beispiel in seinem aktuellen Buch „Die smarte Diktatur“. Beim dritten oder vierten Glied der Lieferkette – z.B. bei der Rohstoffgewinnung für einen kleineren Produktanteil – wird es sehr aufwändig, an die zugrundeliegenden Daten zu gelangen. Gleichzeitig nimmt das Bewusstsein für die Relevanz der Lieferkette für den unternehmerischen Erfolg besonders bei großen Unternehmen immer mehr zu. Kein Automobilhersteller und kein Discounter möchte heute noch mit Meldungen über Kinderarbeit oder systematische Umweltvergiftungen bei seinen Lieferanten in die Schlagzeilen kommen.

Supply Chain Management

Gutes Supply Chain Management ist eine Voraussetzung für gute Produktentwicklung und nachhaltiges Innovationsmanagement. Die einzelnen Supplier werden im zukunftsorientierten Unternehmen nicht bloß als mechanistische und demnach austauschbare Elemente einer Lieferkette verstanden, sondern vielmehr als wichtige Akteure und Mitspieler in einem Beziehungsgeflecht, welches gemeinsam langfristig Großes bewirken und für alle Beteiligten Nutzen stiften möchte. Bei allem Bestreben um Relokalisierung wird niemals alles standortnah produziert werden können, weshalb es oft vor allem darum geht, die Qualität der Zusammenarbeit in der Kette zu verändern. Sieht das Unternehmen die Supply Chain als die Summe der Mitspieler eines gemeinsamen großen Ganzen, so versteht es sich von selbst, dass die einzelnen Supplier eine gemeinsame übergeordnete Vision, gemeinsame Standards und Ziele brauchen, um sich langfristig in einer einander positiv beeinflussenden Werte- und Entwicklungsallianz zu verbinden.

Der hier beschriebene Ansatz zum Supply Chain Management geht über das Bemühen um Transparenz und Nachverfolgbarkeit hinaus. Das Streben nach Transparenz legt den Schwerpunkt auf Überwachung, Messung, Kontrolle und Berichterstattung. Die Lieferanten werden als austauschbare Elemente in der Lieferkette gesehen: wenn ein Glied nicht die Anforderungen erfüllt, wird es ausgewechselt. Das dient vor allem dem Renommée des Unternehmens im letzten Glied der Kette, das sich gegenüber den Endverbrauchern rechtfertigen will. Die schlimmsten Probleme (Kinderarbeit und andere illegale oder unethische Arbeitsprozesse, große Umweltschäden, etc.) können damit reduziert werden. Eine nachhaltige, zukunftsfähige, menschen- und umweltgerecht ausgerichtete Supply Chain reduziert sich jedoch nicht auf Überwachung und Messung, sondern stellt das partnerschaftliche Arbeiten entlang der Lieferkette in den Mittelpunkt. Wir sprechen hier von Werteallianzen.

Supply-Chain als Wertegemeinschaft

Wird die Supply-Chain von einem Unternehmen als Wertegemeinschaft verstanden, so stellt dies nicht nur Einkaufsabteilung der Organisation vor ganz neue Herausforderungen: es kann nicht mehr allein der Preis den Einkauf regieren, sondern die Produktentwicklung wird auf die Integration der Lieferanten setzen. Alle Stakeholder werden sich zum Ziel nehmen, die Rohstoff-Kreisläufe zu schließen und die Zurückverfolgung der Waren bis zum Ursprung wird allen transparenten Überblick gewähren, wie was in welcher Form hergestellt, transportiert und verarbeitet wurde.

Gerade in der rohstoffintensiven Verbrauchsgüterindustrie nimmt man die Schwierigkeiten des Weges hin zu einer Werteallianz immer öfter auf sich. Werteallianz wird hier als eine Form der Innovation verstanden, die in einem laufend als schwieriger werdend wahrgenommenen Kontext neue Möglichkeiten und Vorteile eröffnet. Aus diesem Grund gestalten immer mehr rohstoffintensive Unternehmen ihre Produkte- und Dienstleistungen mit einem besonderen Augenmerk auf der Herkunft und Beschaffenheit der verwendeten Materialien. Die gemeinsamen Standards in der Supply-Chain verbinden und fördernd das Vertrauen, die gegenseitige Unterstützung und offene Innovationen. Gemeinsam zielt man darauf ab, Abfall zu vermeiden und Kreisläufe zu schließen. Innerhalb der Lieferantenkette fördern sich die Unternehmen gegenseitig darin, immer neue ökologische und soziale Kriterien verbindlich einzuhalten.

Die Beschaffungskultur der Unternehmen wird um neue, qualitative Zielvorgaben bereichert. Das langfristig orientierte Beziehungsmanagement mit den Lieferanten ermöglicht nicht nur neue Formen der Kooperation, sondern bildet auch die Basis der Sicherung von (knappen) Ressourcen als Grundlage des Wirtschaftens. Auf das vielfach verwendete Argument, dass diese intensive Beziehungsarbeit zu teuer sei, lässt sich antworten: Gutes Beziehungsmanagement führt zu Einsparungen.

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