20 Mai

Mission und Vision im Unternehmen – für Praktiker und nicht für Missionare

Anbindung an das übergeordnete System

„Die Spannung unserer Zeit ist es, dass wir Organisationen wollen, die sich wie lebendige Systeme verhalten, wir sie jedoch nur als Maschinen zu behandeln wissen. – Margaret Wheatley, Finding Our Way“

In unserem letzten Newsletter sprachen wir über die Blasen im industriellen Zeitalter. Es zeigte sich, dass dieses Bild eine gute Grundlage für das Durchschauen von Krisen bietet. Von der roten über die grüne hin zur blauen Wirtschaft (nach Gunter Pauli) gelingt es, zumindest gedanklich, immer besser das wirtschaftliche Geschehen einzubetten in übergeordnete Systeme.

Welchen Auftrag der Unternehmer dann für sich daraus ableitet, wird in der Mission beschrieben. Die Mission als Auftrag ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Mit Missionieren im Sinne von „jemanden überzeugen wollen“ hat es nichts zu tun! Da dieses Ziel, das übergeordnete System betreffend, sich oft so schemenhaft beschreiben lässt, wird es als Vision, als Zukunftsbild bezeichnet.

Die Schritte, wie man zu einer kraftvollen Mission kommt, sind ganz konkret:

  1. Definieren Sie Ihr übergeordnetes System.
  2. Leiten Sie den Bedarf des übergeordneten Systems ab.
  3. Verbinden Sie sich mit dem Bedarf, und formulieren Sie im Bewusstsein Ihrer Interessen und Kernkompetenzen Ihre Mission.
  4. Visionieren Sie die Zukunft.
  5. Definieren Sie Ihre Rolle.
  6. Individualisieren Sie Ihre Werte.
  7. Kreieren und definieren Sie Ihre Produkte und Dienstleistungen.
  8. Suchen Sie sich Gleichgesinnte.

Vor allem Unternehmen, die heute (noch) sehr erfolgreich sind, tun sich mitunter schwer, sich gedanklich frei zu machen, von dem was momentan in Ihrem Unternehmen schon an Produkten und Dienstleistungen da ist und was Sie heute über Ihren Unternehmenszweck zu wissen glauben. Dieses Loslassen ist aber essentiell, damit Neues entsteht.

Im herkömmlichen und am weitesten verbreiteten Wirtschaftsansatz ist finanzieller Gewinn das vorrangige Ziel und mitunter sogar der alleinige Zweck eines Unternehmens. Die Vision und die Mission orientieren sich dementsprechend am Ziel der Gewinnmaximierung. Die Vision ist in diesem Fall Markt- und Output-orientiert, zumeist ganz nach dem Motto: »Wir sind die Marktführer in Europa.« Zwar versuchen Unternehmen auch über derartige ergebnisorientierte Visionen ihren Mitarbeitern einen bedeutungsvollen Sinn zu vermitteln, den sie darin finden sollen, immer mehr Produkte zu verkaufen und immer mehr Kunden zufriedenzustellen. Das gelingt aber nur selten dauerhaft.

In unserem Verständnis orientiert sich die Formulierung von Mission und Vision am übergeordneten System. Dies erfordert ein Umdenken, die alte Logik wird auf den Kopf gestellt. Eine mit dem übergeordneten System verbundene Vision, also eine systemische Vision, für die alle Beteiligten beharrlich »brennen« können, ist nicht mehr Output-orientiert, sondern orientiert sich am Bedarf des übergeordneten Systems. Die Vision »Wir sind Marktführer in Europa« weicht zum Beispiel folgendem Auftrag: «Wir leisten einen bedeutenden Beitrag für die Zukunftsperspektiven und die Lebenssicherheit der Menschen in der Region. «Die Mission wird so zur Energiequelle für das tägliche Tun, indem sie Sinn stiftet, eben weil das Unternehmen einen als echt empfundenen, sinnvollen Beitrag leistet.

Vorteilhaft ist es, wenn dieser Prozess außerhalb Ihres gewohnten Arbeitsumfelds stattfindet. Vielleicht arbeiten Sie die Schritte vorerst einmal allein oder mit einer Vertrauensperson durch und steigern erst dann sukzessiv die Beteiligung anderer Mitarbeitenden und Führungskräfte. Eine partizipative Vorgehensweise ist für traditionelle Führungskräfte ungewohnt, und es ist wichtig, dass Sie sich nicht überfordern. Partizipation ist sehr sinnvoll und förderlich, wenn das Unternehmen zu einem dynamischen, inspirierten und inspirierenden und damit widerstandsfähigem System heranwachsen soll. Wenn die Zukunft einer Organisation von vielen Teilnehmern getragen wird, kann sie sich zudem leichter unabhängig von einzelnen führenden Menschen und Positionen entwickeln.

Auf der Suche nach dem übergeordneten System

Was ist das größere System, das Ihr Unternehmen bedienen möchte? Wo möchten Sie einen Beitrag leisten? Wo ist Ihr Unternehmen im Netz allen Lebendigen eingebunden? Welchem größeren Ganzen dient es?

Die Antwort auf diese Fragen grenzt das übergeordnete System Ihres Unternehmens etwas ein, damit Sie sich später auf eine klar umrissene Aufgabe fokussieren können. Wird der Kontext des übergeordneten Systems zu groß gewählt, können Sie daraus vielleicht wenig relevante Handlungsanweisungen ableiten. Ist er zu klein gewählt, fehlt Ihnen hingegen der kreative Spielraum.

Definieren Sie das System, zu dem Ihr Unternehmen gehört, in das es eingebettet ist, das System, das für Ihr Unternehmen relevant ist. Schränken Sie sich nicht selbst ein, indem Sie allein die Branche in den Vordergrund stellen, zu der Ihr Unternehmen gehört, oder indem Sie sich auf die Produkte konzentrieren, die Sie herstellen. Ob Sie ein Konferenzzentrum sind, ein Fitnessstudio oder ein Finanzunternehmen – orientieren Sie sich breiter in Richtung Natur und Gesellschaft. Es könnte eine bestimmte gesellschaftliche Struktur sein wie eine Stadt oder eine bestimmte Gemeinschaft von Menschen. Aus welcher systemischen Zugehörigkeit (Makrosystem) schöpfen Sie Ihre Mission? Vielleicht schaffen Sie es auch, darauf zu achten, keine Zielgruppe zu wählen: Kinder zum Beispiel sind nicht wirklich ein übergeordnetes System. Alles, was Kindern dient, dient ebenfalls den Eltern und den älteren Geschwistern. Alles, was Müttern nützt, nützt ebenfalls den Kindern. Auch leben Kinder nicht alleine. Hier sind Sie eingeladen, breit zu diskutieren, um die für Sie stimmigste Überordnung zu individualisieren. Die Definition des relevanten übergeordneten Systems erfolgt häufig auch über die geografische Relevanz des Unternehmenszwecks: Möchten Sie eine bestimmte Region oder ein Land bedienen?

Beispiele für ein übergeordnetes System:

  • Die Natur und Bevölkerung des Alpenraums
  • Alle Einwohner Schwedens
  • Großstadtbewohner in China
  • Menschen in ländlichen Gegenden in Bangladesch
  • Unmittelbar am Rheinufer lebende Haushalte
  • Menschen in Dörfern unter 50 Einwohner in den Dolomiten
  • Umweltbewusste Haushalte weltweit

Bedarf im übergeordneten System

Welche »wahren« Bedürfnisse, welchen Mangel erkennen Sie im übergeordneten System? Was wird gebraucht, heute und in Zukunft? Je klarer Sie das übergeordnete System im ersten Schritt beschreiben konnten, desto einfacher ist es, einen zunächst mal ganz generell wahrgenommenen Bedarf zu ermitteln. Lassen Sie sich auch hier beim Beantworten nicht von den Produkten und Dienstleistungen beeinflussen, die Ihr Unternehmen heute anbietet. Ermitteln Sie die tiefer liegenden Bedürfnisse. Was brauchen die Menschen in Chinas Großstädten am dringendsten? Welche gemeinsamen Probleme haben die Haushalte am Rheinufer? Welche Themen bewegen die Menschen in Schweden wirklich? Was ist der Bedarf in dem übergeordneten System, dem Sie sich zuordnen wollen?

Hier wird nach Nöten des täglichen Lebens, nach tiefen Wünschen gesucht, wie es zum Beispiel der Wunsch nach frischer Luft ist, nach sauberem Wasser, zuverlässiger Kinderbetreuung, giftstofffreier Kleidung, pestizidfreien Lebensmitteln, der Wunsch nach einer ethisch korrekten Bank oder einer spezialisierten medizinischen Versorgung. Recherchieren Sie, und lauschen Sie auch in sich hinein: Welche Erfordernisse oder Mängel Ihrer Gemeinschaft liegen Ihnen am Herzen? Welche gehen Ihnen besonders nahe?

Denken Sie dabei an die Kraft von starken Emotionen als Treiber für Veränderung. Es ist möglich und wichtig, sich mit den emotionalen Kräften zu verbinden, auch wenn es teilweise vielleicht unbequem und ungewohnt ist. Joanna Macy, die Begründerin der Tiefenökologie, erinnert uns in einfachen Worten daran, dass wir keine Angst vor dem Schmerz der Welt haben müssen. Denn wenn wir Angst davor haben, übersehen wir den Ursprung dieser schmerzhaften Gefühle, die ihre Wurzeln allesamt in unserer Liebe für diese Welt haben. Und genau diese Liebe birgt die Kraft wirklicher Veränderung in sich. Deshalb ist es bei dieser Fragestellung durchaus sinnvoll, sich nicht nur allgemein zu fragen, welche Mängel wir in unserem übergeordneten System wahrnehmen, sondern auch zuzulassen, dass diese Mängel unser Herz bewegen. Denn genau dadurch entsteht die Anbindung, die wir suchen, die unserem Wirken einen Sinn gibt und die das System unseres Unternehmens zu einem lebendigen, offenen System wandeln kann.

Die Mission

Die Unternehmensmission stellt den Auftrag dar, der dem Unternehmen sowohl einen bestimmten Handlungsrahmen als auch eine Handlungsrichtung vorgibt. Ihre Mission ist das, wofür sich Ihr Unternehmen engagieren möchte, wofür es Produkte und Dienstleistungen erstellt. Die Mission entsteht, sobald Sie aufgrund Ihrer emotionalen Bewegung sowie Ihrer Kernkompetenzen ein oder mehrere Bedürfnisse Ihres übergeordneten Systems auswählen und für dessen Erfüllung verbindlich Verantwortung übernehmen wollen und können. So definieren Sie Ihre Mission – als Synonyme verwenden wir hier gerne auch die Worte Unternehmensauftrag und Seinszweck – im Einklang mit dem, was tatsächlich gebraucht wird. Lassen Sie sich für diesen Schritt viel Zeit. Es werden an dieser Stelle möglicherweise einige Ideen entstehen, die vielleicht auf den ersten Blick nicht ganz in Ihr jetziges Geschäftsfeld passen. Das ist gut.

Solange die Ideen wirkliche Bedürfnisse (Ihrer Zielgruppe) im übergeordneten System bedienen und gleichzeitig auch auf Ihren Kernkompetenzen basieren, sind alle erlaubt.

Hier ein konkretes Beispiel: Ein Zeitungsverlag ging durch diesen Prozess der Erstellung einer systemischen Unternehmensausrichtung. Im ersten Schritt definierten sie die Menschen in der Heimatregion als ihr übergeordnetes System und fanden dabei heraus, dass diese neben vielen anderen Bedürfnissen auch ein tiefer Wunsch nach Hoffnung, positiven Zukunftsperspektiven und Sicherheit verbindet. Und hier wollte der Zeitungsverlag wirksam werden. Dieser Prozess hat bei den im Verlag arbeitenden Menschen eine sprudelnde Kreativität freigesetzt, und bei der Umsetzung ihres Unternehmensauftrags hatten sie viele Ideen, wie sie den Menschen Sicherheit, Hoffnung und positive Zukunftsperspektiven vermitteln können. Heute bietet das vom Verlag zum Kommunikationshaus gewandelte Unternehmen einen modernen Internetauftritt mit einer innovativen Inhaltspolitik sowie eine Plattform für Netzwerke, Veranstaltungen und Vorträge in der Region. Allesamt Projekte, die über den früheren Begriffsrahmen der Zeitung hinausgehen.

»Der Sinn unseres Handelns besteht im Schaffen von Zukunftsperspektiven und Lebenssicherheiten in der Region.«

Dieser Auftrag weist einen Weg aus der Blase und verbindet das Unternehmen mit dem realen Leben.

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