14 Mrz

Kultur der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist nicht primär eine Frage des Verzichts, sondern der Rückbesinnung auf das, was wirklich wichtig ist.

Der Ruf nach einer nachhaltigen Welt wird immer lauter.  Wir erkennen, dass wir so nicht weiter machen können, wenn wir für uns selbst, für andere Lebewesen auf diesem Planeten und vor allem auch für nachfolgende Generationen eine lebenswerte Welt hinterlassen wollen. Doch zugleich erkennen wir bei genauerem Hinsehen, dass es mit kosmetischen Korrekturen nicht getan ist. Suchen wir allein unser destruktives Verhalten zu verändern, ohne die zugrundeliegenden Ursachen anzugehen, bleibt es bei der Symptombekämpfung und die Probleme verlagern sich nur von einer Ebene auf die nächste. 

Um wirklich nachhaltig zu leben und dieses Leben ausserdem nicht als Zäsur sondern als reiches Geschenk zu erleben, bedarf es eines grundlegenden kulturellen Wandels. Es ist an uns, eine Kultur der Nachhaltigkeit zu entwickeln, die dem 21. Jahrhundert mit seinen technischen Errungenschaften aber auch mit seinen naturgegebenen Begrenzungen entspricht.  Eine solche Kultur der Nachhaltigkeit berührt unterschiedliche Ebenen und Facetten unseres Lebens und lässt in letzter Konsequenz keinen Lebensbereich unberührt. Dies mag zum Einen verschrecken, es ist jedoch auch ein kostbares Geschenk, eine Einladung, alle Lebensbereiche einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Denn: nachhaltig ist das, was uns wirklich nährt. Was gut für den Planeten, für andere Lebewesen und für nachfolgende Generationen ist, ist in Wirklichkeit auch gut für mich.  Nur manchmal Bedarf es eines Schrittes zurück, um aus dem richtigen Abstand, den großen Zusammenhang der Dinge zu erkennen. Dafür müssen wir uns Zeit nehmen. Zeit nach innen zu lauschen, Zeit einander zuzuhören und Zeit, uns auf jene Dinge zu besinnen, die wirklich wichtig sind.

Wir leben in einer Welt des Überflusses. Für die meisten Menschen unserer Generation in den reichen Industrienationen sind Nahrung, Wärme, Kleidung und eine Unterkunft mehr als ausreichend vorhanden – und sind es immer gewesen.  Außerdem steht uns ein regelrechtes Übermass an technischem Spielzeug zur Verfügung, mit dem wir uns nach Lust und Laune unterhalten können. Doch trotz – oder vielleicht gerade wegen? – dieses Überangebots sind wir als Gesellschaft nicht glücklicher geworden, wie Studien wieder und wieder belegen.  Es scheint sogar so, dass das Übermass an materiellen Gütern zunehmend andere Formen des Reichtums verdrängt hat – Reichtum, der nie monetär gemessen wurde und daher auch in keinem Bruttoinlandsprodukt auftauchte, Reichtum, der in anderen Teilen der Welt teilweise noch selbstverständlich ist und es auch hier noch vor wenigen Generationen war. Der Verlust dieser anderen Form des Reichtums vollzog sich schleichend und wurde daher häufig nicht bewusst wahrgenommen.  Heute jedoch leben viele Menschen in innerer Armut, auch wenn es ihnen materiell an nichts mangelt.  Um diese spezielle, den reichen Ländern eigene Form der Armut genauer zu beleuchten, möchte ich drei verschiedene Bereiche gesondert betrachten und auf die verschiedenen Facetten unseres Verlustes eingehen.

Sozial

Waren noch vor zwei oder drei Generationen Großfamilien die Norm, entwickelte sich nach dem zweiten Weltkrieg ein neues kulturelles Ideal: die Kleinfamilie. Doch der Trend zur Verkleinerung der Grundeinheit menschlicher Gemeinschaften hatte damit erst begonnen. Eine wachsende Anzahl von Paaren entschloss sich, nur ein oder zwei Kinder zu bekommen, oder sogar kinderlos zu bleiben. Dieser Trend, zusammen mit den steigenden Scheidungsraten, führte zu einer wachsenden Anzahl von Menschen, die alleine leben oder lediglich zu zweit. Der Single-Haushalt entwickelte sich zu einer neuen, gesellschaftlich anerkannten Lebensform, das kinderlose Ehepaar zur Normalität.

Die Konsequenzen dieser und verwandter Entwicklungen spiegeln sich unter anderem in einer Studie zum Thema soziale Isolation aus dem Jahr 2006 wieder. In einer Befragung erklärten 25% aller Amerikaner, sie hätten niemanden, dem sie sich anvertrauen könnten. Weitere 25% gaben an, sie hätten nur eine Person, der sie sich anvertrauen könnten. Beide Zahlen haben sich im Laufe der letzten 20 Jahre verdoppelt, was auf einen rapiden Verlust naher Beziehungen hinweist.

Nun könnte man natürlich die Ansicht vertreten, dass dies zwar traurig sei, jedoch nicht weiter tragisch. Beziehungen seien zwar nett, jedoch auch sehr anstrengend und problembehaftet. So sei es nicht weiter verwunderlich, dass eine wachsende Anzahl von Personen sich gegen nahe Beziehungen entschliesst und lieber ihr Glück auf eigene Faust sucht.

Wer so argumentiert, verkennt die Bedeutung von Beziehungen für unser Wohlergehen. Eine im Jahr 2005 von der BBC durchgeführte Studie zeigte, dass unsere nahen Beziehungen ausschlaggebend für unser Glück und unsere Zufriedenheit sind. Sie sind fünf mal so wichtig wie materieller Wohlstand, ein schönes Zuhause oder spirituelle Erfüllung und sogar fünfundzwanzig mal wichtiger als ein erfüllender Beruf. Sogar etwas so grundlegend wichtiges wie körperliche Gesundheit fällt in der Bedeutung für unser Glück deutlich hinter dem Faktor Beziehungen zurück: unsere Beziehungen sind immer noch doppelt so wichtig für unser Wohlergehen wie unsere Gesundheit.

Dies mag auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen, doch wenn wir genauer hinsehen, ist es eigentlich ganz logisch. Stabile und gesunde Beziehungen können uns helfen, mit allen Widrigkeiten des Lebens umzugehen, auch mit so gravierenden Faktoren wie einer schweren Krankheit oder anderen Schicksalsschlägen. Beides konnte in zahlreichen Studien belegt werden. Stefan Klein, Autor des Bestsellers „Die Glücksformel“, formulierte das so: „Bindungen an andere sind einer der wenigen äußeren Faktoren, die unter praktisch allen Umständen die Lebenszufriedenheit steigern“.

Eine andere Dimension dieser Entwicklung zeigt sich in der steigenden Unabhängigkeit von Menschen, die wir kennen, während unsere Abhängigkeit von jenen, die wir nicht kennen, zunimmt. Wir können ohne unsere Nachbarn, ja immer öfter sogar ohne unsere Verwandten leben, doch wir sind existentiell von den unterbezahlten Arbeitern in Drittweltländern abhängig, ohne deren Leistungen wir nicht mehr oder kaum mehr überlebensfähig wären.

Kulturell

Ein weiterer Bereich in dem sich eine zunehmende Verarmung beobachten lässt ist der kulturelle Bereich. Während technologische Höhenflüge uns auf Knopfdruck den Genuss der weltbesten Musiker und Künstler ermöglicht, verhindern sie genau dadurch, dass wir unsere eigenen künstlerischen Fähigkeiten entwickeln und miteinander teilen. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft wurden Kreativität, Originalität und künstlerisches Schaffen zunehmend an Designer und Berufskünstler delegiert. Kunst wurde zu einem Konsumgut an dem die allermeisten passiv Anteil haben können, an deren Schaffung sie jedoch nicht beteiligt sind.

Diese Entwicklung hat ein paar traurige Konsequenzen. Zum einen führte sie zu einem erschreckenden Verlust an Vielfalt und Diversität, da in jeder Epoche immer nur diejenigen ihre Kreativität als professionelle Künstler ausleben, die entweder der Mode entsprechen oder bereit sind, sich dieser anzupassen. Darüber hinaus ist die Zahl der Kunstschaffenden sehr klein geworden, vor allem ausgehend von der Idee, dass Kreativität ein menschliches Grundbedürfnis ist. Eine Rückbesinnung auf ein neues Wohlstandsverständnis in diesem Bereich würde eine Wiederbelebung der so genannten partizipatorischen Künste bedeuten. Partizipatorische Künste sind jene, an denen wir teilnehmen statt sie lediglich von Kunst schaffenden zu konsumieren. Beispiele hierfür sind Theater, Gesang, gemeinsames Musizieren um der Freude Willen, Kreistänze und andere Ausdrucksformen, die noch vor ein oder zwei Generationen selbstverständlich waren, es in vielen Teilen der Welt noch sind.

Spirituell

Neben der sozialen und kulturellen Verarmung, zeigen sich auch im spirituellen Bereich große Defizite. Der Verlust von Verbindung, sowohl im Zwischenmenschlichen als auch zu einem größeren Ganzen, wie frühere Generationen es entweder durch die Religion oder durch den direkten Kontakt mit der Natur erlebten, hinterlässt ein inneres Vakuum, dem wir nur schwer entkommen können. Die Standardisierung und Fragmentierung durch das mechanistische Weltbild des industriellen Zeitalters führte zu einem fehlenden Erleben der Einzigartigkeit der Erscheinungen. Die immer schneller arbeitenden Maschinen ließen jene Räume verschwinden, in denen wir früher durch mechanische Arbeiten auch geistig zur Ruhe kommen konnten. Viele Menschen finden sich außerdem weder in traditionellen Religionen noch in esoterischen New Age Ansätzen wieder, vermissen dadurch jedoch Bereiche in ihrem Leben, die einfach nur dem Leben gehören, der Stille zwischen den Worten, dem Platz zwischen den Buchstaben. Doch wenn dieser Raum abhanden kommt oder zunehmend mit Unterhaltung, Arbeit, Hektik oder schlicht Ablenkung gefüllt wird, dann fehlt uns etwas und unsere innere Landschaft gleicht zunehmend einer Kakophonie – wie ein Satz ohne Pausen oder ein Text ohne Lücken wieder. Doch natürlich beobachten wir auch hier vielerofts eine Rückbesinnung auf andere Werte. Wir können heute über Spiritualität reden, ohne zwangsläufig tief religiös oder suspekt zu sein. Wir können uns Auszeiten nehmen, um zu uns selbst zu finden, ohne gleich ins Kloster zu gehen – ja fast gehört es schon zum guten Ton, ab und an auf Tuchfühlung mit sich selbst zu gehen.

Ein neuer Wohlstand entsteht

So erschreckend die innere Armut in den hochentwickelten Industrienationen unserer Zeit auch ist, eine gegenläufige Bewegung hat längst begonnen. Immer mehr Menschen erkennen gerade vor dem Hintergrund eines materiellen Überflusses, der immer absurdere Dimensionen annimmt, was Wohlstand eigentlich wirklich ist und dass man ihn nicht kaufen kann. Werte wie Beziehung, Familie, Spiritualität und ganzheitliches Wohlergehen rücken zunehmend in den Vordergrund. Finanzieller und materieller Wohlstand sind zwar wunderbare Vorraussetzungen, um andere Formen des Wohlstands zu kultivieren, doch wir müssen ihn auch als solches erkennen. Wo finanzieller Wohlstand mit Glück und wirklichem Wohlstand verwechselt wird, ist Enttäuschung vorprogrammiert. Nur wenn wir unseren finanziellen Wohlstand als Grundlage sehen, um uns Freiräume für jene Formen des Wohlstands zu schaffen, die man nicht kaufen kann, wird er zu einem wirklichen, ganzheitlichen Wohlstand.

Genau so verhält es sich mit unserem modernen Industriesystem und dem Wirtschaftssystem, an das es gekoppelt ist. Beides würde theoretisch wunderbare Vorraussetzungen für nie dagewesenen Wohlstand liefern. In letzter Zeit scheint es jedoch zunehmend zu entgleisen, da es seinen eigentlichen Daseinszweck vergessen hat: Menschen mit dem zu versorgen, was sie brauchen, damit es ihnen gut geht. Und dazu gehört Zeit und Muße, gehört eine gesunde Natur, gehören Beziehungen, die zweckfrei sind.

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