10 Dez

Klimaschutz ist Risikomanagement

  • Dezember 10, 2014
  • von tma

„The debate is over, we know the science.“ Bald zehn Jahre ist es her, seit der damalige kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger mit diesem Satz mehr Klimaschutz gefordert hat. Was ist seither passiert?

Wir haben mehr Gewissheit und weniger Zeit, wie der fünfte grosse Bericht des Uno-Klimarats IPCC eben gezeigt hat. Die Wissenschaft ist sich inzwischen so gut wie sicher („extremly likely“), dass der Mensch Hauptursache der Klimaerwärmung ist. Ob Achtziger-, Neunziger oder Nullerjahre: Jede der drei letzten Dekaden war jeweils deutlich wärmer als alle zuvor seit Messbeginn. Behauptungen, wonach der Erwärmungstrend in den letzten Jahren zum Erliegen gekommen sei, stellen sich als falsch heraus, sobald man die Wärmeabsorption der Ozeane mitberücksichtigt.

Was der neue IPCC Bericht sehr deutlich macht, sind die Unterschiede zwischen einer Welt mit 1.5 bis 2 Grad Erwärmung und einer mit „business as usual“, das zu 4 bis 6 Grad Erwärmung führt: Bei 1.5 bis 2 Grad Erwärmung verlangsamen etwa die für die Artenvielfalt wichtigen Korallen ihr Wachstum stark, mit „business as usual“ sterben sie und die Ozeane versauern wortwörtlich. Eine leichte Erwärmung dürfte die Getreideernten global leicht zurückgehen lassen, eine ungebremste Erwärmung könnte sie fast halbieren – und dafür die Zerstörungskraft von Hurrikanen um die Hälfte erhöhen.

Sicher, es gibt offene Fragen, beispielsweise, warum Extremereignisse global bereits stärker zugenommen haben als erwartet. Sicher ist aber: Der Klimawandel bringt kaum abschätzbare Risiken, und diese wachsen mit jedem Zehntelgrad zusätzlicher Erwärmung. „The climate system is an angry beast and we are poking it with sticks.“ So hat es der amerikanische Erdwissenschafter Wallace Broecker gesagt. Klimaschutz ist darum Risikomanagement.

Risikomanagement ist eine Kernaufgabe jeder Unternehmensführung. Den Klimawandel dabei auszublenden, wäre fahrlässig. Auf drei Ebenen betrifft er jedes Unternehmen:

  1. Ist mein Geschäft morgen noch rentabel? Im Lichte des Klimawandels passen Staaten ihre gesetzlichen Rahmenbedingungen an. Die Zahl der Länder mit Klimagesetzen hat sich in den letzten Jahren vervielfacht; zwei Drittel aller Emissionen weltweit werden heute von Klimagesetzgebungen erfasst. Höhere, alle Kosten widerspiegelnde Energiepreise und eine CO2-Abgabe fordern längst nicht nur der WWF, sondern auch der Internationale Währungsfonds oder Wirtschaftsgrössen wie Paul Polman (Unilever) oder Michael Bloomberg (Bloomberg). Wer heute in eine neue Ölheizung oder in Aktien von Ölfirmen investiert, geht angesichts strenger werdenden Klimaschutzgesetzgebung ein beträchtliches finanzielles Risiko ein.
  2. Werden Kunden meine Produkte morgen noch nachfragen? Klimaschutz und Energiewende verändern Kundenbedürfnisse und verschieben die Nachfrage hin zu effizienten, umweltschonenden Produkten. So erstaunt es nicht, dass Tesla Marktanteile gewinnt, während GM die Produktion des Hummers aufgrund kollabierender Nachfrage einstellte.
  3. Können meine Kunden meine Produkte morgen noch kaufen? Auswirkungen des Klimawandels können zu vermehrten Unterbrüchen von Wertschöpfungsketten führen Ikea beispielsweise hatte 9 Mio. Dollar Umsatzeinbusse, weil Geschäfte wegen dem Wirbelsturm Sandy geschlossen bleiben mussten – und begründet u.a. mit solchen Risiken ihr Engagement für den Klimaschutz.

Um das Risiko für Wirtschaft, Mensch und Natur zu minimieren, müssen wir aus der Nutzung fossiler Energien aussteigen. Das Projekt nimmt Fahrt auf: Bereits in 19 Ländern ist Solarstrom laut Deutscher Bank für Hausbesitzer inzwischen so günstig wie Strom vom Netz oder günstiger. Dänemark versorgt sich zeitweise bereits vollständig mit Windstrom, der offiziell günstigsten Energiequelle. Und US-Präsident Obama verlangt seit kurzem, fossile Reserven müssten im Boden bleiben. Eine bessere Welt ist zu kompliziert? Wir sagen es mit George Bernard Shaw: „People who say it cannot be done should not interrupt those who are doing it.“

Thomas Vellacott
Referent „think more about“ Schweiz, Oktober 2014

 ThomasVellacott

Zum Autor

Thomas Vellacott BA MBA MPhil FRSA (43) ist Geschäftsführer des WWF Schweiz. Der WWF Schweiz wird von 260’000 Menschen unterstützt und ist Teil des globalen WWF Netzwerks. Ziel des WWF ist, die weltweite Zerstörung der Umwelt zu stoppen und eine Zukunft zu gestalten, in der Mensch und Natur in Harmonie miteinander leben.

Thomas Vellacott studierte in Durham (GB) und Kairo Arabisch und Islamwissenschaften, in Cambridge (GB) internationale Beziehungen und am IMD in Lausanne Betriebswirtschaft. Zwischen 1994 und 1998 war er in London, Genf und Zürich im Private Banking der Citibank tätig und von 1998 bis 2001 Berater und Projektleiter bei McKinsey & Co. in Zürich. Seit 2001 ist er beim WWF Schweiz, zuerst als Leiter Corporate Relations, ab 2003 als Leiter Programm und Mitglied der Geschäftsleitung, verantwortlich für Konzeption und Umsetzung der nationalen und internationalen Umweltschutzarbeit des WWF Schweiz. Seit 2007 ist er stellvertretender Geschäftsführer, ab Mai 2012 Geschäftsführer WWF Schweiz. Thomas Vellacott ist seit seinem 8. Lebensjahr Mitglied des WWF.

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