01 Mrz

Industrie 4.0 und der Rückgang der Hierarchie

„Industrie 4.0“ beschreibt die neuen Formen der industriellen Produktion: Maschinen, Läger, Transportwege und Kunden sind direkt miteinander vernetzt.

Sie melden ihre Betriebszustände und besorgen sich eigenständig ihren Nachschub an Rohstoffen, lösen Aufträge zur Anpassung der Prozesse oder zur Instandhaltung aus. Mensch, Maschine und Umwelt treten über Datenbrillen und „Augmented Reality“ in neue Formen der Interaktion.

Ob damit mehr neue Arbeitsplätze geschaffen werden als bestehende verschwinden ist unsicher. Auf jeden Fall wird sich jedoch die die Art der Zusammenarbeit in unseren Unternehmen verändern: von der Bedienung einer einzelnen Maschine an einem bestimmten Arbeitsplatz zur Gestaltung von Gesamtsystemen; vom genauen Verstehen der Ursachen und Wirkungen im Betriebs- oder Störungsmodus einer Maschine zum Überwachen und Steuern von Wechselwirkungen; vom Fachwissen zum Denken in Systemen usw. Neben den grundlegend neuen fachlichen Anforderungen an die Arbeitenden wird dies auch zu schrittweisen Veränderungen in der Unternehmenskultur führen. Wo solide fachliche Kompetenz weniger wichtig wird und schnelles, iteratives Handeln in den Vordergrund rückt, wo also im Grunde niemand mehr versteht, was eigentlich exakt gerade vor sich geht – und auch niemand mehr danach fragt, so lange das Gesamtsystem störungsfrei funktioniert –rückt die klassische Hierarchie in den Hintergrund. Eine ihrer Berechtigungen lag ja darin, in unübersichtlichen Situationen Entscheidungen nach oben delegieren zu können und so für Handlungsfähigkeit zu sorgen.

Mit der zunehmenden Vernetzung in der Industrie 4.0 und den systemischen Wechselwirkungen nun nicht mehr nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Menschen und Maschinen und sogar zwischen Maschinen untereinander sind die höheren Hierarchieebenen immer weniger in der Lage, sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Sie verstehen einfach nicht mehr, was vor Ort eigentlich vor sich geht. Das ganze Unternehmen verändert sich in Richtung dezentraler Selbstorganisation. Das ermöglicht einen Paradigmenwechsel für die Führungskräfte: vom Arbeiten im System, wie es die meisten Manager heute noch als ihre Hauptaufgabe ansehen, können sie zum Arbeiten am System übergehen, zum Beispiel zur Gestaltung der Rahmenbedingungen. Wenn sie damit auch die Einbindungen ihres Unternehmens in den Systemzusammenhang unserer Welt stärker ins Blickfeld rücken und ihre Verantwortung für ihre Umwelt erkennen: umso besser.

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