09 Nov

Die Natur arbeitet anders!

Die Blase des industriellen Zeitalters und die wirkliche Realität.

„Ein Wissen, das nicht in die Zukunft reicht, ist kein Wissen.”
– Hans-Peter Dürr

 

Von einer Blase spricht man dann, wenn eine Gruppe von Menschen anfängt, nach anderen Gesetzmäßigkeiten zu leben als das größere System, in das sie eingebettet ist. Dadurch verliert diese Gruppe den Kontakt mit dem, was außerhalb der Blase geschieht, und sie versteigt sich in eine Scheinwelt, die jedoch von innerhalb der Blase betrachtet absolut real erscheint. Bekannte Beispiele aus der jüngeren Geschichte sind die Immobilienblasen in Spanien oder in den USA: Innerhalb dieser Spekulationsblasen schienen die Wertsteigerungen sinnvoll zu sein. Doch als die Blase zu groß wurde und mit der Realität kollidierte, platzte sie und die prognostizierten Gewinne enttarnten sich als Fata Morgana.

Laut Peter Michael Senge, amerikanischer Wissenschaftler, Autor und Professor an der MIT Sloan School of Management, ist das gesamte industrielle Zeitalter eine solche Blase [1]. Er argumentiert, dass die Krise, die wir heute erleben, in Wahrheit das Platzen dieser Blase ist. Anhand der Erfüllung der fundamentalen menschlichen Bedürfnisse, die unsere physische Sicherheit und unser Wohlergehen langfristig gewährleisten, nämlich Energie, Nahrung und Wasser, Materialien (Waren und Dienstleistungen), Vielfalt und soziales Wohl, bringt Senge die Unterschiede zwischen dieser Blase des industriellen Zeitalters und der „wirklichen Wirklichkeit” auf den Punkt. Mit diesem Modell erklärt er, weshalb die Bedürfniserfüllung in der Blase keineswegs nachhaltig sein kann und wir unweigerlich zu den natürlichen Gesetzmäßigkeiten zurückkehren müssen.

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1. Energie

Gesetzmäßigkeiten in der Blase: Die Industrie, die Transporte, die Landwirtschaft und die Haushalte basieren vorrangig auf der Nutzung fossiler Brennstoffe. Diese sind endlich und gehen zur Neige, deren Gewinnung selbst hat einen hohen Energieverbrauch, schädigt die Ökosysteme und führt zu großen wirtschaftlichen Machtkonzentrationen und Abhängigkeiten.

Gesetzmäßigkeiten der „Realität“:Die Natur bedient sich der Energie der Sonne und aller damit einhergehenden Energieformen. Diese ist frei verfügbar und unbegrenzt.

2. Nahrung

Gesetzmäßigkeiten in der Blase: Unsere Lebensmittel sind nur zu einem kleinen Bruchteil lokalen Ursprungs, sondern reisen vielmehr tausende von Kilometern um den Globus. Sie sind häufig gentechnisch verändert, chemisch angereichert und auf verschiedenste Art und Weise konserviert und daher gesundheitsgefährdend. Der Zugang zu Boden und Wasser ist aufgrund von Eigentumsverhältnissen nicht für Jedermann gewährleistet und fördert somit Abhängigkeiten und ist mitunter Auslöser von Hungersnöten und Kriegen.

Gesetzmäßigkeiten der „Realität“: In der Natur stammt der Großteil der Nahrung aus der lokalen Umwelt, auch wenn in einigen Fällen Samen über große Distanzen vom Wind getragen werden.

3. Material

Gesetzmäßigkeiten in der Blase: Die Art und Weise, wie Produkte konzipiert und hergestellt sind, hinterlässt enorme Mengen an Abfall. Zudem sind die Rohstoffe und Lieferketten derartig globalisiert, dass dies einen extremen Ressourcenverbrauch mit sich bringt. Aufgrund des „erfolgreichen“ Wirkens der Marketingmaschinerie fehlt dem Konsumenten heute die Erfahrung von Sattheit. Diese fehlt in der Erfüllung sämtlicher Grundbedürfnisse nach Nahrung, Kleidung, Wohnausstattung, Unterhaltung und vieles mehr.

Gesetzmäßigkeiten der „Realität“: In der Natur gibt es keinen Abfall. Alles hat eine Verwendung und wird gebraucht. Jeder Konsum und jedes Wachstum hat eine natürliche Grenze.

4. Vielfalt

Gesetzmäßigkeiten in der Blase:  In unserem globalen Wirtschaftssystem streben wir zur Steigerung von Produktivität und Effizienz gnadenlos nach Standardisierung und Vereinheitlichung. Biodiversität gilt als ineffizient und die kulturelle und ethnische Vielfalt von Menschen wird als Gefahr wahrgenommen. So verfolgen heute Menschen auf der ganzen Welt zunehmend dieselben Fernsehsendungen, kaufen die gleichen Produkte und akzeptieren dieselben Konsumideale für das „gute Leben“.

Gesetzmäßigkeiten der „Realität“: Die Kraft und Resilienz natürlicher Systeme beruht auf biologischer Vielfalt. Kein Mensch gleicht dem anderen. Keine zwei Bäume, Blätter, Libellen oder Eisbären sind gleich. Alles ist einzigartig und miteinander in Verbindung. Je mehr Spezies miteinander kooperieren, desto stabiler ist das Ökosystem.

5. Soziales Wohl

Gesetzmäßigkeiten in der Blase: Primär wird unter sozialem Wohlergehen finanzieller Reichtum verstanden. Das Streben nach materiellem Wachstum bzw. ein steigendes BIP, ein hoher Firmengewinn oder ein großes Privatvermögen, stehen im Vordergrund.

Gesetzmäßigkeiten der „Realität“: Seit Jahrtausenden haben gesunde Gesellschaften, die Bestand hatten, ein Gefühl von Zugehörigkeit und Geborgenheit gefördert. In diesem Beziehungsgeflecht konnte jeder darauf vertrauen, dass seine elementaren materiellen Bedürfnisse jederzeit erfüllt werden und jeder die Gelegenheit erhält, zu reifen und seine einzigartigen Begabungen und Ziele zu verwirklichen.

 

Wir meinen, dass das Platzen der industriellen Blase unweigerlich zu einer Katastrophe führen würde – also weit schlimmere Konsequenzen hätte als das Platzen einer einfachen Markt-Spekulationsblase. Noch haben wir alle Möglichkeiten dies zu verhindern: noch haben wir die Chance, aus freiem Willen zu entscheiden, die Blase zu verlassen und in ein neues Paradigma, welches den Gesetzmäßigkeiten der Natur folgt, einzusteigen. Warten wir aber bis die Blase platzt, sind wir nicht nur ohnmächtig und ausgeliefert, sondern möglicherweise ist es dann auch zu spät.

 

[1]  Peter M. Senge ua.: Die notwendige Revolution, Carl-Auer Verlag, 2011

 

Autoren: Vivian Dittmar, Evelyn Oberleiter

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