02 Sep

Die Kunst des Zuhörens – Schlüssel zu Dialogfähigkeit und Deeskalation

Klassisches Bild der Kommunikation – das Sender – Empfänger Modell

Unser Bild von Kommunikation ist stark von einer meist unbewussten und daher nicht hinterfragten Annahme geprägt, dass es bei einem Informationsaustausch einen aktiven und einen passiven Part gäbe. Dieses kann man auch als “Sender-Empfänger-Modell” bezeichnen. Der Sender gibt eine Information, durch Worte, Mimik, Gestik etc. und ist damit aktiv, während der Empfänger lediglich passiv diese Information aufzunehmen hat.

Dieses Bild wird unbewusst in uns durch ein Bildungssystem gefestigt, das stark auf One-to-Many Kommunikation aufbaut – einer spricht, die anderen hören zu und so geschieht Lernen. Dass dies nicht der Fall ist, wird deutlich wenn wir uns vor Augen führen, wie wenig Informationen tatsächlich aufgenommen werden, wenn wir diese beim Zuhören nicht aktiv verarbeiten.

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen Hören und Zuhören. Sie können in diesem Moment zwar meine Stimme hören und sich von ihrem Klang berieseln lassen, dadurch haben sie mir noch lange nicht zugehört. Um wirklich zuzuhören, müssen sie aktiv mit dem was ich sage interagieren. Dieser Prozess ist still und unsichtbar, weshalb seine Wichtigkeit häufig komplett unterschätzt wird.

Ohne Zuhören, keine Kommunikation

In Folge dessen wird oft viel Wert auf Ausdrucksweise und Rhethorik gelegt. Hierbei wird jedoch komplett übersehen, dass auch die ausgefeilteste Rhethorik versagt, wenn es keinen Empfänger gibt, der das Signal aufnimmt. Ohne Zuhören ist keine Kommunikation möglich. Die Bereitschaft und Fähigkeit des Zuhörers ist für den Kommunikationserfolg also viel wesentlicher als die des Sprechers.

Da gutes Zuhören in unserem Kulturkreis selten ist, zweifeln viele Menschen an ihrer Ausdrucksfähigkeit. Sie fühlen sich nicht gehört und kommen gar nicht auf die Idee, dass dies auch an der Kompetenz ihres Gegenübers liegt.

Die Bedeutung des Zuhörens wird auch deutlich, wenn wir uns bewusst machen, dass es die Kommunikationsfertigkeit ist, auf die wir am meisten zurückgreifen. Experten zufolge macht diese, je nach Beruf und Persönlichkeitsstruktur 40-70% unsere Kommunikationstätigkeit aus [1], während das viel beachtete Sprechen und das noch viel mehr geschulte Schreiben und Lesen einen weit geringeren Teil ausmachen.

Die unsichtbare Dimension des Dialogs

Sie müssen in ihrem Kopf das von mir Gesagte mit ihnen bekannten Informationen verknüpfen und abgleichen, um es in einen sinnvollen Zusammenhang zu stellen und somit den Sinn für sich zu erschließen. Doch oft genügt auch dies nicht. Viele Informationen können wir erst mit dem Herzen erschließen, indem wir empathisch zuhören. Der Kopf sucht Unterschiede und Trennendes, das Herz sucht Gemeinsamkeiten und Verbindendes.

Samen der Gewalt: wenn Menschen nicht gehört werden

Wenn Menschen nicht gehört werden, fühlen sie sich alleine, getrennt und hilflos. In Folge werden sie, je nach Persönlichkeitstyp und Sozialisierung, depressiv oder aggressiv. Manche Menschen sind sehr gut darin, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und auf eine Art zu äußern, die von anderen leicht angenommen werden kann. Die wachsende Beliebtheit der Gewaltfreien Kommunikation zeigt, dass eine wachsende Anzahl von Menschen diese Fertigkeit erlernen möchte. Doch viele Menschen können das nicht, weil sie es nie gelernt haben. Es fehlte ihnen jemand, der zuhören konnte und der auf diese Form der Bedürfnisäußerung reagieren würde. Sie haben gelernt, ihre Bedürfnisse oder ihre Gefühle über frustrierte Bedürfnisse in Gewalt auszudrücken und sich somit “Gehör”zu verschaffen. Dieses Drama spielt sich in Szenen häuslicher Gewalt genau so aus wie bei Sandkastenschlägereien wie bei dem Zusammenbruch von diplomatischen Verhandlungen auf internationaler Ebene.

Die Aufgabe eines guten Zuhörers ist es in diesem Fall, zum Einen die schädlichen Ausdrucksformen in ihre Schranken zu weisen, zum Anderen jedoch neue Ausdrucksformen zu ermutigen. Hierfür muss der Zuhörer nicht nur mit einem klaren Verstand Informationen auswerten und abgleichen, sondern auch mit dem Herzen eine empathische Verbindung zu den tieferen Nöten des anderen aufbauen. Wenn dies gelingt, wird Zuhören zu einem Schlüssel für Deeskalation und Dialog.

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[1] Quelle: Hartung, Martin, Ulrich, Susanne: Besser Zuhören, Eigenverlag der Stiftung Zuhören, 2006, S. 6

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