19 Dez

Die Kunst des Wandels

  • Dezember 19, 2014
  • von tma

Nachhaltige Wirtschaft & Grosse Transformation – oder
Ein einzelner Schmetterling macht noch keine Schmetterlingswiese

Karl Polanyi’s Grosse Erzählung

Es gibt gute Augenblicke, um das gesellschaftliche und wirtschaftliche Geschehen in eine starke Erzählung zu fassen. Karl Polanyi gelang dies. In seinem 1944 erschienenen Buch «The Great Transformation» beschreibt er die erste Industriellen Revolution. Mindestens fünf sich gegenseitig verstärkende Entwicklungen waren für die damalige wirtschaftliche Entfesselung zentral: Der wissenschaftliche Fortschritt brachte bis anhin ungeahnte technische Fähigkeiten. Eine entstehende Unternehmerschaft sah Verwertungschancen und nutzte sie, koordiniert durch eine sich entwickelnde Marktwirtschaft und zunehmend zivilisiert durch den sich formierenden demokratischen Rechtsstaat.

Faszinierend und inspirierend an Polanyi’s Ansatz ist, dass er ökologische, soziale, ökonomische und politisch-gesellschaftliche Entwicklungen in ihrem Zusammenwirken betrachtet. Erst so ist überhaupt zu verstehen, wie die Industrielle Revolution möglich wurde. Es wird deutlich, dass es sich dabei bei weitem nicht nur um eine technisch-industrielle Revolution handelte, sondern ebenso sehr um eine gesellschaftlich-intellektuelle Revolution. Kurz: neben der neuen Technik und dem Willen, diese zu nutzen, war die Entwicklung der Marktwirtschaft und der rechtstaatlichen Demokratie genau so wichtig. Auch hier waren Kreativität und Gestaltungswillen absolut notwendig.

Der Erzählung zweiter und letzter Teil

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bestätigte dies eindrücklich. Europa und die industrialisierte Welt erlebten eine Renaissance dieser Revolution – auf der Grundlage folgender «Übungsannahmen»: Gesicherte Ressourcenbasis, sowohl was Energie und Rohstoffe angeht. Scheinbar unerschöpfliche Aufnahmekapazitäten der natürlichen Umwelt für Emissionen und Abfälle. Weit offene Wachstumsperspektiven für praktisch alle Branchen und ebenso offene Ausbaupotentiale für staatliche Leistungen und die Sozialwerke. Die Weltlage war überblickbar, wenn auch nicht ungefährlich. «Wohlstand und Frieden durch Wachstum» war das Motto.

Diese Variante unseres Wohlstandsmodells ist überholt. Die Annahmen haben sich grundlegend geändert: Die Ressourcenbasis ist in jeder Hinsicht unsicher. Die Grenzen der Aufnahmekapazitäten der natürlichen Umwelt sind Realität. Wachstum ist nicht länger die pauschal gültige Zauberformel für Wohlstand und Frieden, es muss sich qualifizieren und legitimieren: Was soll wachsen? Zu welchem Zweck? Zu wessen Lasten? Wenn man genau hinschaut, erkennt man aber auch: Eine neue Erzählung hat bereits begonnen.

Eine neue Erzählung: Die Globale Grosse Transformation ….

Die Welt ist im Umbruch – ganz unabhängig von der ökologischen Frage. Neue globale Players – neben China insbesondere Indien, Brasilien und Südafrika – haben sich erfolgreich als ökonomische und geopolitische Kraftzentren etabliert. Hier wohnt der neue globale Mittelstand und entwirft die künftigen Konsummuster und Lebensstile. Zur Illustration und Inspiration vier Zahlen: Im Jahr 2000 lebte rund 70% der globalen Mittelklasse in den USA, Europa und Japan. 2050 werden es noch etwa 17% sein. Im Jahr 2000 lebte 10% der globalen Mittelklasse in China und Indien, 2050 können es gut 60% sein. Ausserdem sind die neuen Player längst auf dem Weg in die Hochtechnologie. Der Wettkampf um die Technologieführerschaft wird nicht mehr allein in der nördlichen Hemisphäre entschieden. Kein Zweifel: Die gewohnten globalen Kräftehierarchien – wirtschaftlich, politisch, wissenschaftlich – ordnen sich neu. Die «Halbwertszeit» von Geschäftsmodellen verkürzt sich dramatisch. Wie schaffen wir Frieden und Wohlstand, Lebensqualität heute?

Für mich ist klar: Wir stecken mitten in einer neuen, diesmal Globalen Grossen Transformation. Fast alles ist in Bewegung, vieles ist möglich. Eine historische Chance auch für eine Nachhaltige Entwicklung.

… und erste Notizen dazu

Mir scheint, es ist dies ein guter Augenblick für ein Gedankenexperiment. Man kann sich überlegen, mit Karl Polanyi’s Repertoire im Kopf, die heutige Situation zu beschreiben. Hier erste Notizen:

Wissenschaft, Technik und viele Unternehmerinnen und Unternehmer sind bereit für eine neue starke Erzählung. Es gibt viele interessante, Mut machende und inspirierende Pfadfinderprojekte für eine Nachhaltige Wirtschaft. Und dauernd kommen neue hinzu. Ich meine: hier liegen wir auf Kurs. Aber noch etwas fällt auf: meist fristen sie (noch) ein Dasein in der (Markt)Nische. Schlummernde Potentiale. Fest «Verpuppt» die meisten – erst einzelne schillernde Schmetterlinge, noch keine Schmetterlingswiese!

Damit es eine Schmetterlingswiese wird, damit aus Einzelbeispielen der wirtschaftliche Normalfall werden kann, muss noch einiges dazukommen: eine Marktwirtschaft und eine Politik im Kreativmodus! Hier mangelt es meiner Ansicht nach in der Schweiz dramatisch. Denn aller Innovationsrhetorik und allen „Fördergiesskannen“ zum Trotz herrscht eine ausgesprochen defensive, dem Neuen und Ungewohnten gegenüber abwehrende Grundhaltung. Defensivmodus. Noch ist die Schweiz als Ganzes kein Innovationspark!

Kreativmodus heisst: Koalitionen der Willigen schmieden. Das ist die Kunst des Wandels: Nicht auf „Bern“ warten und auch nicht auf „Brüssel“ oder auf sonst wer, sondern das notwendige innovative Milieu selber schaffen! Denn Transformationsprozesse kommen nicht von oben – auch das zeigt Karl Polanyi’s Analyse – sie werden gemacht von kreativen, unternehmungsfreudigen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen.

Der Übergang zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft setzt Kreativität und Engagement voraus in den Bereichen Wirtschaft (Produktidee/ -gestaltung, Geschäftsmodelle, Unternehmensform, Eigentum, Design der Marktwirtschaft, Geld- und Finanzordnung, Weltwirtschaftsarchitektur), Technik, auch Architektur und Stadtentwicklung, dann aber auch in der Demokratieentwicklung, in der Politik und der Zivilgesellschaft. Und zwar gleichzeitig und gleichwertig.

Literaturhinweis:

Karl Polanyi (1978): The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Frankfurt (Originalausgabe 1944: The Great Transformation)

Jürg Minsch

Referent „think more about“ Schweiz, Oktober 2014

 JuergMinsch

Zum Autor

Jürg Minsch war Mitglied des Schweizerischen Rats für Nachhaltige Entwicklung und Professor für Nachhaltige Entwicklung an der Universität für Bodenkultur Wien BOKU. Heute ist er tätig als unabhängiger Nachhaltigkeitsforscher: «minsch sustainability affairs – Strategien für Demokratie, Marktwirtschaft und Ökologie». Lehraufträge an der ETH Zürich, an der Universität Bern und an der BOKU Wien. Seit April 2014 ist er Dozent und Co-Leiter der Forschungsgruppe «Umweltbildung» am IUNR Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen, ZHAW in Wädenswil.

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