31 Mai

Die Kunst der Freiheit als die Übung des Menschseins

Unser diesjähriger Kongress „Think more about  – Tage der Nachhaltigkeit“, der vergangene Woche mit mehr als 400 TeilnehmerInnen in Brixen stattgefunden hat, stand unter dem Motto „Die Kunst der Freiheit“. Uns hat die Beschäftigung mit dem Thema „Freiheit“ tief bewegt und so möchte ich einige unserer angereiften Überlegungen hierzu in diesem Blog teilen.

Die Freiheit ist eines der ganz großen Menschheitsthemen. Philosophen aller Zeiten und Kulturen – von Aristoteles bis zum Dalai Lama, von Erich Fromm bis Krishnamurti – haben sich damit beschäftigt. Doch was hat uns bewegt, den Kongress dieses Jahr unter das Thema „Die Kunst der Freiheit“ zu stellen?

Gerade im sozial-ökonomisch-ökologischen Bereich wird Freiheit oft als Befreiung verstanden, als Loslösung VON einem Zustand der Ungerechtigkeit, der Ausbeutung oder der Konzentration von Macht und entspricht deshalb oftmals einer Haltung des GEGEN-etwas-Seins. Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit ergeht. Jedenfalls bei mir ist es so, dass der Wunsch nach Befreiung oft aus einer Hoffnungslosigkeit, einer Opferhaltung, einem Ausgeliefertsein und einem Ohnmachtsgefühl entsteht. Dem gegenüber kann man Freiheit auch anders denken – als den Bewusstseins- und Entscheidungsprozess für eine bestmögliche, sinnerfüllte Lebensgestaltung, die über die Beschäftigung mit Fragen passiert, wie zum Beispiel: Wofür stehe ich ein? Wie will ich mich jetzt verhalten? Wen will ich unterstützen? Welches Studium will ich absolvieren, welche Partei will ich wählen, welche Unternehmensstrategie verfolgen, welche Menschen treffen, welches Buch lesen, welche Musik hören? Und das könnte man auch als eine Haltung des FÜR-etwas-Seins beschreiben.

Natürlich weiß man als Menschen, dass wir mit jedem FÜR, Nein zu vielem anderen sagen – und dieses Entscheiden ist eben auch ein schmerzhafter Prozess, der anerkennt, dass ALLES nicht in unseren Möglichkeiten liegt. Diese Übernahme an Verantwortung für unsere Entscheidungen, als Akt eines freien Willens, ist vielleicht unsere größte Freiheit überhaupt. Sie verlangt mit zunehmendem Bewusstsein von uns eine Reife und Reflexionsfähigkeit, ein Abwiegen und nicht nur ein Sich-alles-offen-lassen. Und diese Freiheit ist allein uns Menschen vorbehalten, dieser Prozess ist ur-menschlich. So bergen die Möglichkeiten der Entscheidung und die daraus resultierende Übernahme der Verantwortung in sich vielleicht die zentrale Kraft, die Persönlichkeiten heranwachsen lässt und jedem Leben seine ureigene Gestalt verleiht.

Wohlwissend, wie herausfordernd all dies ist, sprachen wir bei Think more about von der Freiheit als eine Kunst, von einer Übung und Disziplin des Menschseins, das GEGEN immer häufiger in ein FÜR zu wandeln, dem „frei für“ entgegen dem „frei von“ mehr und mehr Platz zu verleihen. Und so ist die Einladung, die wir von Terra an unsere Partner immer wieder aussprechen: Fokussieren wir uns doch nicht so sehr auf das, was wir müssen und sollten, sondern auf die Visionen einer Welt, wie wir sie uns erträumen – anerkennend, dass Freiheit niemals die Abwesenheit von Einschränkungen und Grenzen bedeutet, sondern die Wahrnehmung unserer konkreten Handlungsmöglichkeiten und unseres Entscheidungsspielraumes innerhalb von Grenzen.

 

 

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