08 Jun

Die Bedeutung von Kultur, Tradition und Kunst für die Regeneration der Wirtschaft

  • Juni 08, 2015
  • von tma

Als vor einem Jahr mein jüngster Sohn Francesco-Aurelio geboren wurde, habe ich beschlossen, eine einzigartige gesunde Krippe für ihn herzustellen. Es musste die natürlichste und gesündeste Krippe überhaupt sein. Von meinen japanischen Mentoren habe ich gelernt, dass Rohseide schon immer in ganz Ostasien für ihre Fähigkeit, Pilze, Bakterien und Viren zu kontrollieren, geschätzt wurde. Sobald Seide jedoch verarbeitet und gekocht wird, verliert sie diese einzigartigen Eigenschaften. Warum sollte sich jemand wünschen nur schön zu sein? Ist nicht die Gesundheit das Wichtigste?

Meister Liu, einer der Großmeister der Bambusverarbeitung, machte mich mit den traditionellen Webtechniken von Bambusfasern vertraut. Künstler sind in der Lage, Bambus in jede Form zu bringen ohne dafür Metalle, Kleber oder Fäden zu verwenden. Als mein Sohn geboren wurde, machte ich ihm eine Krippe aus gewobenem Bambus, sorgfältig umhüllt von 5 Millimeter dicker Rohseide, auf die ich 3000 Seidenraupen gesetzt habe, die fleißig sechs Monate lang gearbeitet haben, um (vielleicht) den gesündesten und kunstvollsten Ruheplatz für ein Kind zu schaffen. Basierend auf der Tradition von Kunst und Kultur definieren wir die Schlafumgebung für Kleinkinder neu. Die Nachfrage ist groß, und es fehlt an Handwerkern, die auf die ansteigende Nachfrage reagieren können. Leider ist China nicht anders als Europa oder Afrika. Wir haben begonnen die Kunst als etwas Kostspieliges, bestenfalls als eine Investition der Reichen, zu betrachten. Allerdings spielt die Kunst, eingebettet in und angereichert durch Kultur und Tradition, eine beachtliche Rolle innerhalb einer neuen Wirtschaft, die anhand dessen funktioniert, was lokal verfügbar ist, und all jenes in etwas mit einem größeren Wert verwandelt. Die Möglichkeit, die durch das Beispiel der Krippe – und viele andere Projekte, die wir umgesetzt haben – veranschaulicht wird, bietet mehrere Vorteile, darunter die Wiederbelebung des Handwerks, und einer Tradition, die auf der Wiederentdeckung dessen, was für zahlreiche Kulturen bereits vor Jahren herausgefunden wurde, basiert.

Die Krippe bietet nicht nur die Möglichkeit auf Kultur, Kunst und Tradition zu bauen, sie bietet eine innovative und wettbewerbsfähige neue Palette an Produkten, die von der Nachfrage in Gang gesetzt wird, und damit einen sicheren Ertrag erzielt, indem sie Menschen anzieht ihr Berufsleben diesem Bereich zu widmen. Zudem erfordert die Wiederbelebung des Webens mit Bambus eine höhere Anzahl an Bambusplantagen und das Wiederaufleben der Bambus-Waldwirtschaft, und dies bereichert den Boden mit Nährstoffen, während Wasser, das durch deren komplexes Wurzelsystem gefiltert wird, gespeichert wird. Seidenraupen (bitte nennt sie nicht Würmer – es sind keine Würmer), die in der Regel mit Maulbeerblättern aufgezogen werden, produzieren riesige Mengen an Exkrementen, die schlechten Boden soweit anreichern, dass er innerhalb eines Jahrzehnts fruchtbar für die Landwirtschaft wird.

Die Herausforderung für uns besteht darin, dass sich nur wenige vorstellen können, welche Möglichkeiten sich hier ergeben könnten. Die Herausforderung für uns besteht darin, dass nur wenige imstande sind, die lokale Wirtschaft so zu gestalten, dass sich die Möglichkeiten für die Menschen und das Ökosystem überhaupt erst entfalten können. Es ist bedauerlich, dass so viele junge Berufstätige davon träumen, einen MBA (Master of Business Administration) zu erhalten, wo sie lernen sich auf ein Business und eine Kompetenz zu konzentrieren, und das Netz des Lebens und des Lebendigen abstrahieren. Die Welt braucht jene, denen es gelingt eine Kettenreaktion auszulösen, die damit beginnt, das Bewusstsein zu schaffen, dass das, was lokal verfügbar ist, mehr Lebensmittel, Futtermittel, Materie und Energie, Schönheit und Gesundheit hervorbringt, als es von einem Ökonomen für möglich gehalten wird.

Die Weltwirtschaft ist heute nicht in der Lage die Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen, und ist sich sicherlich auch nicht der Bedürfnisse der Natur bewusst, was uns Statistiken bestätigen, die besagen, dass zwei Milliarden Menschen in Armut und Elend leben und über eine Milliarde Jugendliche auf der Suche nach einem Job sind – jenem Job, den sie wahrscheinlich nie finden werden. Wir müssen deutlich unsere Fähigkeit verbessern, mit den verfügbaren Ressourcen die Grundbedürfnisse aller zu erfüllen. Reichtum an Kultur, Tradition und Kunst ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Herausforderung.

 

Haben wir Ihr Interesse geweckt? 
http://www.theblueeconomy.org/
http://www.zeri.org/

 

Gunter Pauli

Referent „think more about“ Brixen, Mai 2015.

712Unternehmer, Wirtschaftswissenschaftler und Buchautor – Gunter Pauli ist Initiator des Blue Economy Konzeptes, welches zum Ziel hat, die Ökosysteme der Erde zu schützen und gleichzeitig Arbeitsplätze zu schaffen. Gründer der Stiftung „Zero Emissions Research and Initiatives“ zur Förderung der Entwicklung einer neuen Spezies von Wissenschaftlern und Unternehmern, die im Einklang mit der Natur wirken.

 

 

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