15 Apr

CSR-Forum: kontroverse Diskussion zum VW-Skandal

Beim jährlichen Kongress zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility, CSR) mit 600 Teilnehmenden in der Nähe von Stuttgart war das Terra Institute mit Hans-Ulrich Streit bei einer Podiumsdiskussion vertreten.

Thema war „Compliance im Top-Management: Was das Beispiel Volkswagen lehrt“. Compliance bedeutet in etwa „Einhalten von Regeln“. Dabei entwickelte sich eine erregte Debatte.

Unbestritten ist, dass VW die Abgaswerte für Dieselfahrzeuge manipuliert hat und damit Schaden für die Umwelt und die Gesundheit aller hervorgerufen hat. Die Frage war, wie es dazu kommen konnte, insbesondere beim VW-Konzern, der sich seines Umweltbewusstseins und Engagements in Nachhaltigkeit rühmt. Hier meine Thesen knapp zusammengefasst:

1. Wir wünschen uns Mitarbeitenden, die nicht Dienst nach Vorschrift machen, sondern die aus innerer Überzeugung und mit hoher Integrität Regeln einhalten. Dazu müssen die Regeln stimmig sein. Das ist hier nicht der Fall: die ersten von VW überarbeiteten Fahrzeuge halten jetzt die Prüfbedingungen zwar ohne Manipulationen ein, stoßen in der Praxis aber genau wie zuvor das 8-fache des Grenzwertes aus. Aus Sicht der Aufsichtsbehörde ist das in Ordnung. Absurd!

2. Die Organisationskultur von VW – und vieler anderer Unternehmen auch – behindert den freien Informationsfluss besonders dann, wenn Probleme auftauchen. Die klassische hierarchische Führung ist in unserer immer dynamischeren und komplexeren Welt zunehmend überfordert. Da nützt auch das beste Compliance-Management-System nichts. Neue dezentralere Verantwortungsstrukturen müssen entstehen. Auch das auf individueller Leistung beruhende Vergütungssystem erweist sich bei diesen Problemen als kontraproduktiv. Ein gutes Beispiel liefert dagegen die Robert-Bosch-GmbH: in diesem 400.000 Mitarbeiter-Konzern ist man gerade dabei, individuelle Boni abzuschaffen, weil man erkannt hat, dass sie für das Gesamtunternehmen nachteilig sind.

3. Und schließlich ist der VW-Skandal auch Ausdruck eines gesellschaftlichen Wertekonfliktes. Auf der einen Seite wollen wir eine gesunde Umwelt, aber gleichzeitig wollen wir auch sichere Arbeitsplätze und Einkommenszuwächse. Die deutsche Bundesregierung hat sich in den letzten Jahren gemeinsam mit den Lobbyverbänden vehement gegen schärfere Regulierungen bei der Überwachung der Diesel-Emissionen eingesetzt, denn die deutsche Automobilindustrie ist im weltweiten Vergleich sehr stark auf Dieselmotoren fokussiert. Diese einseitige Betonung der finanziellen Interessen ist eine Art Staatsversagen.

Andere Diskussionsteilnehmer meinten in der zunehmend emotionalen Diskussion dagegen, dass die Regeln gar nicht so schlecht seien, man müsste sich nur daran halten und dass VW ein durch und durch kriminelles Unternehmen sei. Das führt jedoch in die Irre. Aus Sicht des Terra Institutes sollten wir Unternehmen nicht so aburteilen sondern sie vielmehr als Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems begreifen. Notwendig sind dabei natürlich klare Randbedingungen. Nur so können wir die Probleme unserer Zeit lösen.

Mehr Eindrücke vom diesjährigen CSR-Forum finden sie hier

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