24 Feb

CO2-Kompensation – Klimaschutzprojekte für Unternehmen

  • Februar 24, 2015
  • von tma

Interview mit René Estermann

Die gemeinnützige Stiftung myclimate ist eine international ausgerichtete Klimaschutzinitiative mit Schweizer Wurzeln. Seit der Gründung im Jahr 2002 hat sich myclimate zu einem weltweit führenden Anbieter in der freiwilligen CO2-Kompensation entwickelt. Lokal ausgerichtete Carbon Management Services und Klimabildungsprogramme ergänzen das Angebot der Stiftung mit Sitz in Zürich. Dem eigenen Profil nach steht myclimate für „Vermeiden, Reduzieren und Kompensieren“ von CO2–Emissionen.

Herr Estermann, wie hat sich das Geschäft mit der freiwilligen Kompensation bei myclimate entwickelt?

myclimate verzeichnet seit der Gründung ein jährliches starkes Wachstum. 2012 und 2013 waren ganz bedeutende Jahre. Im Stiftungsjahr 2012 haben Unternehmen, Institutionen und Privatleute erstmals mehr als 500‘000 Tonnen CO2 mit uns reduziert. Gleichzeitig haben im gleichen Jahr unsere internationalen Projekte erstmals mehr als eine halbe Millionen Tonnen an Reduktionen „geliefert“. Anfang 2013 wurde eine weitere Marke geknackt: Seit der Gründung der Stiftung wurden mehr als 2 Millionen Tonnen CO2 von Kunden und Partnern kompensiert. Gleichzeitig laufen die Projekte sehr gut, es herrscht sozusagen „Erntezeit“: Unsere rund 80 Klimaschutzprojekte haben sich so erfolgreich entwickelt, dass sie in ihrer Leistung die Nachfrage deutlich überbieten.

Woher stammen die Emissionsreduktionen, die Sie anbieten?

In unserem Portfolio führen wir derzeit rund 80 Projekte in 30 Ländern, die zehn verschiedene Technologien anwenden. Das Gros wird in Entwicklungs- und Schwellenländern umgesetzt. Dort lässt sich mit einem Franken nicht nur ungleich mehr erreichen; diese Projekte sind auch Treiber einer nachhaltigen Entwicklung vor Ort. Gleichzeitig setzen wir auch Projekte in der Schweiz um. Ob mit Holzschnitzelkraftwerken, Biogasanlagen, landesweiten Programmen zum Sparen von Warmwasser oder zur Förderung von Elektro- und Hybridbussen, myclimate ist mittlerweile einer der bedeutendsten Lieferanten für die Stiftung Klik.

Was zeichnet ein gutes Klimaschutzprojekt aus?

Ein Klimaschutzprojekt, von dem wir überzeugt sind, muss den strengen internationalen Regularien vollständig entsprechen. Im myclimate Portfolio finden sich daher ausschliesslich Gold Standard, Plan Vivo und CDM Projekte. Das alleine reicht aus unserer Sicht aber nicht, daher muss über die Klimaschutzkomponente hinaus immer ein spürbar nachhaltiger Effekt für die von dem Projekt betroffenen Menschen ersichtlich und messbar sein. Wir reden hier von Umwelt- und Biodiversitätsaspekten genauso wie von einer Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen durch höhere Gesundheits- und Hygienestandards, lokale Einkommensmöglichkeiten, Förderung und Gleichstellung von Frauen oder einem Fokus auf Bildungsmöglichkeiten.

Hier in der Schweiz sehen wir uns als Starthelfer, um effizienteren Technologien zum Durchbruch zu verhelfen, die im Moment noch an Unsicherheit oder hohen Anfangskosten scheitern. Das Busprogramm wäre hier als Beispiel zu nennen.

Können sie mit Ihrem Projektportfolio überhaupt die Nachfrage auf dem freiwilligen Markt decken?

Das können wir problemlos – leider. Ich sage deshalb leider, weil wir uns mittlerweile in der unangenehmen Situation befinden, unsere lokalen Projektpartner zu bremsen. Die Nachfrage nach freiwilliger Kompensation hinkt mittlerweile dem Erfolg der Projekte deutlich hinterher. Wir könnten ohne weiteres sofort noch viele weitere Projekte umsetzen und bestehende teils drastisch ausbauen. Das ist aber nur möglich, wenn wir über den Kompensationsmechanismus, ob freiwillig oder verpflichtend, die langfristig nachhaltige Umsetzung gewährleisten können.
Das Märchen aus grauer Vorzeit, dass myclimate zu wenige Projekte hätte, ist tatsächlich weit von der Realität entfernt.

Wie sehen Ihre Massnahmen im gesamtschweizerischen Kontext aus?

Wir sind durchaus stolz auf das, was wir bislang erreicht haben. Aber, wir sehen noch immenses Potenzial. Im Vergleich zu den jährlichen Emissionen der Schweiz, die sich auf rund 50 Millionen Tonnen belaufen, leisten unsere Partner und wir noch einen verhältnismässig kleinen Beitrag.

Ketzerische Frage, ist das jetzige System ausreichend oder müssten über andere Wege mehr Leute in die Verantwortung genommen werden?

Es ist grossartig, dass wir mit Vorreitern zusammenarbeiten dürfen, die sich ganz bewusst ihrer Verantwortung als „Global Corporate Citizen“ stellen und ihren Beitrag freiwillig leisten.
Dennoch plädieren wir klar dafür, dass auch bei den Emissionen zukünftig die Verursacher in Haftung genommen werden. Was beim Abfall und beim Abwasser heute Usus ist und grossartige Verbesserungen trotz anfänglicher Widerstände mit sich gebracht hat, muss auch für Treibhausgasemissionen gelten. Eine Milliarde Menschen bewegen sich im Jahr mindestens einmal mit dem Flugzeug von A nach B. Gleichzeitig kochen weltweit 2,5 Milliarden Menschen auf offenen Feuerstellen, mit all den daraus resultierenden Folgen für das Klima, die Wälder und die Gesundheit. Hier ergeben sich immense einfache, mit überschaubaren Mehrkosten verbundene Optionen, den weltweiten Klimaschutz und die nachhaltige Entwicklung auf eine völlig neue Stufe zu heben.

CO2 Kompensation

René Estermann

Referent „think more about“ Schweiz, Oktober 2014

René Estermann

René Estermann ist seit 2006 CEO von myclimate – einem NPO für Klimaschutz und für CO2-Kompensation. Zuvor war Herr Estermann 16 Jahre Mitgründer und Geschäftsführer des Ingenieurbüros composto+ sowie des Kompostforum Schweiz. Er war massgeblich am Aufbau der Grüngutverwertung in der Schweiz beteiligt. Internationale Erfahrung hat er u.a. in Projekten der UNIDO in Kuba, bei internationalen Auftritten von Biomasse Schweiz und im Rahmen von Mandaten bei der Entwicklung von bioabbaubaren Polymeren (Biopolymers) in ganz Europa.

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