20 Jul

Bürger machen Nachhaltigkeit erschwinglich

  • Juli 20, 2015
  • von tma

Der Bürger als erster Träger menschlicher Bedürfnisse, angefangen bei den Grundbedürfnissen bis hin zu Bedürfnissen, welche dem Menschen Würde und globales Wohlbefinden bringen, ist sehr kritisch und bestürzt über die aktuelle Wirtschaft, die mit der Finanzialisierung und der zunehmenden Entfernung von der Realwirtschaft, nicht in der Lage ist, Bedürfnisse derart zu befriedigen, dass eine dauerhafte Beschäftigung und damit eine ökonomische Autonomie, sowie eine gewisse Lebensqualität sichergestellt wird.

Ein neues wirtschaftliches Paradigma, das sich am Wohl aller Individuen und der umfassenden Bedürfnisbefriedigung des Menschen orientiert, dabei auf sozialer und ökologischer anstatt auf rein ökonomischer Nachhaltigkeit basiert, ist deshalb unerlässlich. Aber welche Rolle kann dabei die Zivilgesellschaft einnehmen?

Die Kraft der Unternehmen, Gewerkschaften, des Tertiärsektors, des Volontariates, der Umweltgruppen, Konsumenten, der Kultur, der Schulen und Universitäten, der Berufsverbände und der Vertreter der Finanzwirtschaft muss einen Qualitätssprung erreichen und damit eine Vernetzung ermöglichen mit dem Ziel individuelle und körperschaftliche Ansätze aufzugeben, welche die eigene Macht als einziges Handlungsmotiv ansehen. Die Zivilgesellschaft muss innovative Vorschläge ausarbeiten, um auf politischer Ebene gehört zu werden und das Wohlbefinden der Bevölkerung aus Gemeinwohl-orientierter Perspektive zu erlangen. Um genau diesen verbindenden Prozess zu fördern wurde die Vereinigung NeXt Neue Wirtschaft für alle begründet.

Zur Ankurbelung einer Entwicklung hin zu einem neuen Paradigma der Nachhaltigkeit werden drei Protagonisten miteinbezogen: Unternehmen, Gewerkschaften und BürgerInnen in ihrer Rolle als KonsumentInnen und InvestorInnen.

Unternehmen

Die Unternehmen stehen berechtigterweise vor einer großen Glaubwürdigkeitskrise: In Italien ist die Hälfte der Bevölkerung der Meinung unternehmerisches Verhalten bringe keinen Nutzen für die Gesellschaft, was deren Produkte und Dienstleistungen, die Schaffung von Einkommen und Beschäftigung und den Beitrag zum Allgemeinwohl benachteiligt.. Die Unternehmen brauchen jedoch ein Klima des Vertrauens, als Voraussetzung für jegliche wirtschaftliche Aktivität. Aber sie müssen sich dieses Vertrauen über ein wirkliches Öffnen und eine wahrhaftige und kohärente Achtsamkeit gegenüber den Bedürfnissen aller Beteiligten erst verdienen (beschäftigte Arbeitnehmer, Mitarbeiter, Kunden, Zulieferer, lokale Gemeinden, Umgebung). Dies verlangt von den Unternehmen, dass sie sich innerhalb der Unternehmensziele, neben der Gewinnmaximierung, im Tagesgeschäft auch sozialen Zielen zur Verbreitung von Wohlstand und der Wahrung der Umwelt stellen. Nur unter diesen Umständen können Unternehmen legitim Vertrauen, Vereinfachung und Entbürokratisierung fordern.

Aber es gibt auch gute Nachrichten für Unternehmen: vertiefende Studien haben in den letzten 10 Jahren gezeigt, inwiefern sich eine Orientierung in Richtung Nachhaltigkeit lohnen kann. Trotz zweifelloser Investitionen und Kosten, die mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit und den Dialog mit den Stakeholdern entstehen, differenzieren sich nachhaltige Unternehmen von ihren Konkurrenten, indem sie eine bessere Reputation genießen, effizienter sind, weil ihr Personal motivierter ist, geringeren Risiken unterliegen und eine Garantie für Investoren darstellen. Somit zeichnen Dialog, Demokratie und Partizipation Unternehmen aus, welche den neuen Weg begehen. Unternehmen müssen folglich – als System und als Betrieb – einen großen kulturellen Wandel auf sich nehmen, die bürgerlichen Gegenparteien, Gewerkschaften und Stakeholder, müssen auf der anderen Seite den Wandel mit großer Kraft einfordern.

Gewerkschaften

Gewerkschaften nehmen eine wichtige Rolle zur Erreichung echter Nachhaltigkeit ein; sie haben die institutionelle Rolle inne, die Würde der Arbeiter zu schützen, oft scheinen ihre Waffen aufgrund der Krise oder der Gefahr von Delokalisierung jedoch abgestumpft und ihre Schwächung ist für alle eine schlechte Nachricht. Gewerkschaften müssen also neue Wege der Einflussnahme und des Dialogs finden, um die verschiedenen Rollen ihrer Mitglieder in Einklang zu bringen: Arbeiter, gleichzeitig aufmerksame Konsumenten hinsichtlich der Qualität von Produkten und Dienstleistungen, BürgerInnen, die am Wohlbefinden aller, an unbeschwerten sozialen Beziehungen und einem gesunden Umfeld interessiert sind.

Bürger

Die Bürger haben gute Karten in der Hand, aber selten wissen sie das. Sie stellen die Nachfrage am Markt dar und Unternehmen erzielen nur dann Ergebnisse, wenn sie adäquat auf deren Bedürfnisse antworten. Die Bürger sind jedoch oft misstrauisch und nicht eingebunden. Sie durchleben Entmutigung („Es lässt sich nichts ändern“, „Unternehmen haben alle Werkzeuge und Ressourcen in der Hand“) und Resignation („Das machen alle so“, „Alle sind gleich“, „Wir haben keine glaubwürdigen Informationen über die Produkte und die Unternehmen“). Und tatsächlich kennen sie die Charakteristiken der Produkte nicht, die Produktionsprozesse, die verwendeten Rohstoffe, den Umgang mit der Umwelt innerhalb der Wertschöpfungskette: sie leiden unter einer großen „asymmetrischen Information“, da Unternehmen viele Mittel haben,  sich so zu präsentieren, wie sie es vorziehen und zudem oft objektive Überprüfungen derselben fehlen.

Wenn sie jedoch adäquat informiert und eingebunden sind, können Bürger eine große Kraft für den Wandel darstellen, die „Günstigkeit“ und damit das Verhalten der Unternehmen von Grund auf durch „die Stimme des Geldbeutels“ ändern, woran uns Leonardo Becchetti erinnert, mitbestimmen. Die Bürger haben einen Bedarf an glaubwürdigen Informationen und suchen diese zunehmend über Zertifikate und informative unabhängige Quellen, wie das Portal von NeXt www.nexteconomia.org. Ein weiteres Werkzeug für Veränderung, das sie in ihren Händen halten, ist der Zusammenschluss. Tatsächlich reicht es nicht aus, gut informiert zu sein, es ist notwendig Gewichtigkeit zu erreichen, um einschneidende Auswirkungen zu erzielen. Die Bürger können sich also – in ihrem „vorausschauenden Eigeninteresse“ – bemühen, durch ihr alltägliches Konsumverhalten und ein verantwortungsvolles Sparen, Unternehmen, die auf sozialer und umweltschonender Ebene achtsam sind, zu belohnen, um dadurch andere Betriebe zu einer neuen Achtsamkeit für diese Themen zu bewegen. Auf diese Art und Weise wird eine Kraft von unten aktiviert, welche den Wandel ankurbelt. So setzen die Bürger einen positiven Prozess in Gang.

All das stellt die Anforderung eines kulturellen Wandels an die Bürger, der das Verhalten der Unternehmen beinflusst, indem er sie zwingt, sich am Respekt für den Menschen und die Umwelt zu orientieren, insbesondere auch am Gemeinwohl. Um den kulturellen Wandel von unten her zu begünstigen, fördert NeXt in diversen Gegenden die Mobilisierung der Bürger, die sich in lokalen Gruppen für Nachhaltigkeit organisieren. Daher – informieren wir uns, schließen wir uns zusammen und handeln wir gemeinsam für eine bessere Welt!

Giovanni Battista Costa

Referent „think more about“ Brixen, Mai 2015.

Giovanni Battista Costa eGiovanni Battista Costa ist verantwortlich für die COSTA EDUTAINMENT SPA, Präsident von NEXTECONOMIA, Berater der Stiftung Bioparco in Rom, Mitglied des Regionalen Verbandes Solidarietà e Lavoro, Präsident der Genossenschaft der Forschung der Schiffseigentuemer und Vizepräsident des Industriellenverbandes in Genua. 

Facebooktwittergoogle_pluslinkedinmail